Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden
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Lindener Gewerbe- Handel und Industriebetriebe

1862 Hannoversche Gummi-Kamm-Companie, ab 1883 Hannoversche Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft, ab 1899 Hannoversche Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft Hannover-Limmer, seit 1912 Hannoversche Gummiwerke, Excelsior-Pneumatic AG, seit 1928 Continental Gummi-Werke AG Hannover-Limmer, dann Continental AG

Die Hannoversche Gummi-Kamm-Companie wird im April 1862 mit einer eigenen Dampfmaschine (6-PS Leistung), in der Striehlstraße (Hannover-Mitte) gegründet. 1865 wurde die Gesellschaft in die Hannoversche-Gummi-Comp. OHG umgewandelt. Der Firmengründer Johann Louis Martiny schied mit der Umwandlung und der damit verbundenen Kapitalaufstockung aus dem Unternehmen aus, blieb der Hannoversche-Gummi-Comp. OHG aber freundschaftlich verbunden.

Der Bankier Moritz G. Meyer, sein Bruder Ferdinand Meyer und der Kaufmann Otto Stockhardt (1839-1897) beteiligen sich 1871 an der Gründung der Continental-Caoutchouc- und Gutta-Percha Companie AG, dem Vorläufer der heutigen Continental AG. Am 8. Oktober 1871 wurde daraufhin die Continental-Caoutchouc- und Gutta-Percha Companie als Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital von 300.000 Talern in Hannover gegründet. Es wurde eine Trennung der Produktionsschwerpunkte vereinbart. Die Hannoversche-Gummi-Comp. OHG produzierte weiterhin Hartgummiwaren. Die neue Continental-Caoutchouc- & Gutta-Percha-Compagnie AG produzierte ausschließlich Weichgummi-Produkte. Diese Trennung hielt bis in die 1890er-Jahre.

1875 geriet die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG in finanzielle Schwierigkeiten, können sich aber ab 1876 unter der Leitung des Kaufmanns und Unternehmers Sigmund Seligmann (1853-1925) wieder erfolgreich am Markt behaupten. Sigmund Seligmann wurde später der erste Generaldirektor der Continental Gummi-Werke AG in Hannover.

Continental-Caoutchouc- und Gutta-Percha-Companie
Hannover | 12.11.1911

Continental-Caoutchouc- und Gutta-Percha-Companie
05.05.1911

Siegmund Seligmann (1853-1925), Prokurist, kaufmännischer Direktor und Vorstandsmitglied

Sigmund Seligmann wurde am 19. August 1853 als Sohn eines jüdischen Lederhändlers in Verden an der Aller (Niedersachsen) geboren. Er absolvierte in Harburg bei Hamburg eine kaufmännische Lehre, ehe er nach Hannover übersiedelte, um im Bankhaus von Moritz Magnus (1838-1897) eine Stelle als Kassenbeamter anzutreten. 1876 wurde er mit der Prüfung der Finanzlage, der angeschlagenen Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG, beauftragt. Er befand die Firma als lebensfähig und wurde für seine solide Arbeit vom Aufsichtsrat gebeten, in die Leitung der Firma einzutreten. Am 7. April 1876 erfolgte seine Einstellung und schon im September desselben Jahres wurde er - im Alter von nur 26 Jahren - Prokurist und 1879 kaufmännischer Direktor sowie Vorstandsmitglied der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG. 1905 wurde er zum Kommerzienrat ernannt, 1914 zum Geheimen Kommerzienrat, 1921 wurde er Ehrendoktor der Technischen Hochschule Hannover und 1923 (anlässlich seines 70. Geburtstags) Ehrenbürger der Stadt Hannover.

Seit 1883 war er mit Johanna Coppel (1861-1949), der Tochter eines Industriellen aus Solingen in Nordrhein-Westfalen, verheiratet. 1903/06 ließ er sich von dem Architekten Hermann Schaedtler (1857-1931) die Jugendstilvilla - Villa Seligmann (Hohenzollernstraße 39, Hannover-Oststadt) erbauen. Von dem Maler Max Liebermann (1847-1935) ließ sich Sigmund Seligmann in Öl porträtieren. Am 12. Oktober 1925 starb Sigmund Seligmann im alter von 72 Jahren in Hannover. Noch zu Lebzeiten kümmerte er sich um eine repräsentative Grabstelle auf dem Stadtfriedhof Engesohde. Sein Hausarchitekt Hermann Schaedtler entwarf einen Obelisken als Grabmal, das innerhalb der Gräberabteilung 28 noch durch eine symmetrische Wegzuführung herausgehoben wird. 1962 wurde nach Sigmund Seligmann die Seligmannallee in Hannover-Bult benannt.

Siegmund-Seligmann-Stiftung

Die Siegmund-Seligmann-Stiftung erforscht und fördert die jüdische Musik und Musikgeschichte. Sie unterstützt damit die Arbeit des Europäischen Zentrums für jüdische Musik, seit 1992 ein Institut der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH). Zu diesem Zweck erwarb die Stiftung 2006 die Villa Seligmann, 2008 wurde das Gebäude bezogen.

Hannoversche Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft Hannover-Limmer

Das springende Pferd wird 1882 als Warenzeichen von der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG angemeldet. 1883 wird die Hannoversche-Gummi-Comp. OHG in eine Aktiengesellschaft (AG) umgewandelt. Nun nannte sich das Unternehmen Hannoversche Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft. Gleichzeitig fanden Gespräche über eine Fusion mit der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG statt, die allerdings erfolglos blieben.

Bereits um 1880 produzierten beide Firmen Fahrradreifen, zunächst aus Vollgummi, ab 1888 kurzzeitig als sogenannte Kissenreifen aus geschäumten Gummi und ab 1890 als Schlauchreifen. 1892 fertigte die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG als erste deutsche Firma Fahrrad-Luftreifen - sogenannte Pneumatics (Pressluftreifen mit Luftschlauch) und ab 1898 profillose Automobil-Luftreifen in Hannover-Vahrenwald. Es wurden 1100 Arbeiter beschäftigt.

Excelsior-Pneumatic - Hannov. Gummi-Kamm-Co. Act. Ges. Hannover-Limmer | 02.08.1899

Ab 1899 wird die Fabrik der Hannoverschen Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft von der Striehl- und Nicolaistraße in Hannover-Mitte nach Limmer bei Hannover, ans Leine-Ufer verlegt. Zuvor erwarb das Unternehmen 1897 ein mehrere Tausend, Quadratmeter großes Grundstück an der Wunstorfer Straße 130 in Limmer. Nun nannte man sich Hannoversche Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft Hannover-Limmer und stellte unter anderem Fahrradschläuche, gummierte Stoffe und Massivbereifungen für Kutschen und Fahrräder her. Es kam zu weiteren strategischen Allianzen mit der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG. So verpflichtete sich die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG dazu, keine chirurgischen Produkte und Artikel für elektrische Zwecke zu produzieren, im Gegenzug stellte die Hannoversche Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft die Herstellung von Weichgummiartikeln und Spielbällen ein.

Excelsior-Pneumatic - Hannov. Gummi-Kamm-Comp
Act. Ges. Hannover-Limmer | 21.08.1901

Excelsior-Pneumatic - Hannov. Gummi-Kamm-Comp
Act. Ges. Hannover-Limmer | 16.04.1904

Bernhard Caspar (1844-1918), Bankier, geheimer Kommerzienrat und Generalkonsul

Bernhard Caspar wurde am 9. Dezember 1844 in Stavenhagen bei Schwerin/Mecklenburg-Vorpommern geboren. Der jüdische Bankier, geheime Kommerzienrat und königlich norwegische und schwedische Generalkonsul war seit 1882 Mitglied des Aufsichtsrates und ab 1887 Vorsitzender der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG.

Bernhard Caspar war zunächst Prokurist bei der Provinzial-Disconto-Gesellschaft und gründete 1874 seine eigene Bank, die seit 1891 in der Bahnhofstraße 11., in Hannover-Mitte, ansässig war. Von 1910 bis 1912 ließ er sich durch den Architekten Emil Lorenz (1857-1944) an der Prinzenstraße 23., ebendfalls in Hannover-Mitte, das Bankhaus Caspar (wurde 2014 abgerissen) errichten. Er war auch Aufsichtsrat der 1872 gegründeten Lindener Eisen- und Stahlwerke AG (LES) und der Hannoverschen Bank. Außerdem war er Mitglied im Deutschen Kolonialverein von 1882, im Deutschen Flottenverein (DFV), im Provinzialverein des Roten Kreuz (RK), in der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Krieg Gefallenen Soldaten.

Verheiratet war Bernhard Caspar mit Anna Caspar, die Familie wohnte im eigenen Haus, in der Parkstraße 2. (ab 1936 umbenannt in Wilhelm-Busch-Straße), in der Hannover-Nordstadt. Bernhard Caspar starb am 20. Mai 1844 in Hannover und wurde auf dem Stadtfriedhof Engesohde beerdigt. Sein Grabmal wurde nach einem Entwurf des Architekten Hermann Schaedtler (1857-1931) geschaffen.

In Hannover-Linden wurde 1919 die Bernhard-Caspar-Straße, nahe der ehemaligen Lindener Eisen- und Stahlwerke AG (LES), nach dem verdienten Unternehmer benannt.

Excelsior-Pneumatic
Hannov. Gummi-Kamm-C. Act.-Ges. | 15.04.1899

Bernhard- und Anna-Caspar-Stiftung

Am 30. Juli 1918 wurde die Bernhard- und Anna-Caspar-Stiftung gegründet. Stiftungszweck ist die jährliche finanzielle Unterstützung gemeinnütziger oder wohltätiger Institutionen in der Stadt Hannover, die im Vertrag namentlich genannt sind.

Continental-Ballonstoff | Auszeichnung mit dem "Grand Prix" auf der Weltausstellung 1904

Für das erste deutsche Luftschiff LZ 1 wird am 2. Juli 1900 - Continental-Ballonstoff zur Abdichtung der Gaszellen verwendet. Zuvor hatte man schon im Juni 1889 einen Kugelballon mit 1064 cbm Inhalt hergestellt, erfolgreich getestet und verkauft.

1901 gewinnt erstmals ein Mercedes Daimler-Wagen auf Continental-Pneumatics-Reifen das Automobilrennen Nizza-Salon-Nizza. Die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG nimmt 1904 an der Weltausstellung (Louisiana Purchase Exposition 1904) in St. Louis, Missouri/USA teil, man warb mit einem großen Ausstellungsstand. Die Ausstellungsleitung zeichnete die Firma mit der höchsten Auszeichnung, dem "Grand Prix", für die Reifen, aufgrund ihres neuartigen Profils aus.

Stand der Continental-Caoutchouc- und
Gutta-Percha-Compagnie, Hannover | 21.12.1904

Hannoversche Gummi-Kamm-Compagnie,
Actien-Gesellschaft Hannover-Limmer | 06.05.1909

Profil- und Nietengleitschutz-Reifen

Ab 1904 entwickelte die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG als erstes Unternehmen Profilreifen für Automobile und ab 1905 Nietengleitschutz-Reifen, die den späteren Spikes-Reifen ähnelten. 1908 erfindet die Firma, die abnehmbare Felge für Tourenwagen, die nun viel Zeit und Kraft beim Reifenwechsel sparen hilft und sofort erfolgreich ist.

Continental-Aeroplanstoff

Am 25. Juli 1909 überquert der Franzose Louis Charles Joseph Blériot (1872-1936) als erster Mensch den Ärmelkanal auf einem mit Continental-Aeroplanstoff bespannten Flugzeug.

Das beschichtete Gewebe, mit dem die Flügel und der Rumpf bespannt wurden, ist bis heute an der historischen Maschine Blériot XI im Pariser Musée des Arts & Métiers zu sehen.

Continental-Aeroplanstoff | 31.03.1916

Continental Ballonstoff
Richtung Leipzig Annaberg | 12.03.1917

Hannoversche Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG Hannover-Limmer

Zum 50-jährigen Bestehen 1912 wurde der Firmenname der Hannoverschen Gummi-Kamm-Companie Actien Gesellschaft Hannover-Limmer in Hannoversche Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG Hannover-Limmer geändert.

Gummischwämme und Frottierhandschuhe"Gloria"

Ein neuer Produktionszweig der Hannoverschen Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG waren Gummischwämme und Frottierhandschuhe mit Auflagen aus Schwammgummi, die unter dem Namen "Gloria" vertrieben wurden. 1914 war das Unternehmen auf der Brüsseler Automobil-Ausstellung in Belgien mit einem großen Ausstellungsstand vertreten.

Arbeiterwohnhäuser und Verwaltungsgebäude.

Von 1912 bis 1914 errichtete die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG das neue Verwaltungsgebäude an der Vahrenwalder Straße (Hannover-Vahrenwald). Entworfen wurde das Gebäude von dem Mitbegründer des Deutschen Werkbundes e.V. (DWB) Peter Behrens (1868-1940).

In Hannover-Vahrenwald wurde 1913 ein Junggesellenheim mit einer Turnhalle an der Dragonerstraße 4 errichtet. Zuvor, 1909 waren schon neben dem Neubau des Junggesellenheims an der Dragonerstraße 1-3, an der Spittastraße 14-20 (Straße besteht nicht mehr) und an der Husarenstraße 41-43, 12 Beamten, Werksmeister- und Arbeiterwohnhäuser errichtet worden.

 

Hannov. Gummiwerke Excelsior A.-G. Hannover-Linden
30.07.1914

Werkszeitung Echo-Continental

Die Werkszeitung Echo-Continental erschien ab 1913. Berichte über den Rad- und Rennsport sowie Reiseberichte mit Bildern boten Informationen und Unterhaltung. Einen breiten Raum nahm die Vermittlung von Kenntnissen über Reifen, ihre Pflege und die Schadensvorkehrungen ein. Darüber hinaus gab es in der Zeitung diverse Comics und Bildergeschichten. Der Werbe- und Comiczeichner Otto Schendel (1888-1943) führte die Figur des “Herrn Conti“ ein, eines Zigarre rauchenden Reifens mit Gesicht, Armen und Beinen. Die Zeitung wurde an registrierte Kunden kostenlos abgegeben, sonst für 20 Pfennig verkauft. Sie erreichte eine Auflage um 100.000 Stück. Die Echo-Continental wurde 1939 eingestellt, es folgten 1941 noch zwei Ausgaben.

Erich Maria Remarque (1898-1970) beim Echo-Continental

Von 1922 bis 1925 arbeitet der Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898-1970), eigentlich Erich Paul Remark als Werbetexter und Redakteur beim Echo-Continental für die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG. Im Auftrag der Firma bereiste er unter anderem die Schweiz, Italien, England und die Türkei. Ab 1925 geht er nach Berlin. Erich Maria Remarque wird 1929 schlagartig weltberühmt mit dem Erscheinen seines Romans "Im Westen nicht neues". Das Buch wird in über 50 Sprachen übersetzt und 1930 in Hollywood/USA verfilmt. Von 1933 bis 1945 wurden seine Werke von den Nationalsozialisten in Deutschland verboten.

Erster Weltkrieg (1914-1918) und die Nachkriegszeit

Während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 waren beide Firmen an der Rüstungsproduktion beteiligt. Durch Einberufungen zum Kriegsdienst kam es bei der Hannoverschen Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG zu Personalengpässen, die durch den Einsatz von Frauen aufgefangen wurden. Die Arbeiterinnen bekamen allerdings nicht den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen. Insgesamt fielen 774 Werksangehörige im Ersten Weltkrieg. An die Gefallenen erinnert ein Ehrendenkmal in der Eingangshalle des Verwaltungsgebäudes an der Vahrenwalder Straße. Am 1. März 1925 wurde das Kriegerdenkmal in Form einer großen Bronzetafel, in einer feierlichen Gedenkstunde angebracht. Fortan wurde jedes Jahr in einer Andachtsfeier der Gefallenen gedacht.

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG
Hannover-Linden (Propagandakarte) | 17.09.1917

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG
Hannover-Linden (Propagandakarte) | 13.05.1918

Reserve-Lazarett I. Abt. Junggesellenheim

Das 1913 errichtete Junggesellenheim und die Turnhalle an der Dragonerstraße 4., in Hannover-Vahrenwald wurden zum "Reserve-Lazarett I. Abt. Junggesellenheim" umgebaut. Die Turnhalle wurde als Krankensaal für die nicht ganz so schweren Fälle genutzt. Der leitende Oberarzt des Lazaretts, ein Chirurg, war auch gleichzeitig Betriebsarzt der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG. Das Unternehmen war auch Bereiber des "Reserve-Lazarett I. Abt. Junggesellenheim".

Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Nachkriegszeit und einer Aufstockung der Mitarbeiter auf 7000 kam die Hannoversche Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG Hannover-Limmer in Folge der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Trotz der schwierigen Lage wurde der Architekt Franz-Otto Lutz mit dem Bau der noch teilweise erhaltenen Fabrikgebäude entlang der Wunstorfer Straße 130. und am Stichkanal Hannover-Linden von 1920 bis 1922 beauftragt. Das schon vorhandene Verwaltungsgebäude wurde aufgestockt und eine neue Vulkanisierhalle errichtet.

Die Erweiterungsinvestitionen in den 1920er-Jahren wurden durch sechs Kapitalerhöhungen finanziert. Dabei gelang es der Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG bereits Anfang 1922, mehr als 25 Prozent des Aktienkapitals der Hannoverschen Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG zu erwerben und damit zum Großaktionär zu werden.

Reserve-Lazarett I. Abt. Junggesellenheim
Dragonerstraße 4.

Cord-Reifen

Die Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG brachte 1921 als erste deutsche Firma den Cord-Reifen heraus. Das dabei verwendete Feinstoffgewebe löste das weniger geschmeidige Leinenvollgewebe ab. Der Cord-Reifen war dadurch elastischer und belastbarer als andere. 1921 werden von der Continental auch Riesenluftreifen für Nutzfahrzeuge produziert.

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG Hannover-Linden (Conti-Werk) | 23.04.1920

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG | 21.06.1922

Fusion mit der Continental Gummi-Werke AG

Die Hannoversche Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG verlor aufgrund von Rohstoffknappheit, Verzögerungen beim technischen Fortschritt und zeitweiligem Verlust der Auslandsmärkte an Umsatz und Marktkraft und musste am 10. Dezember 1928 mit der erfolgreicheren Continental Gummi-Werke AG Hannover (Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie AG) fusionieren. Die Fusion wurde zum 1. Januar 1928 rückwirkend wirksam. Aus der Hannoverschen Gummiwerke Excelsior-Pneumatic AG Hannover-Limmer wurde nun die Continental Gummi-Werke AG Hannover-Limmer, ein Zweigwerk der Continental Gummi-Werke AG Hannover. Die Markennamen, vor allem „Excelsior“ für Reifen, wurden beibehalten. Auch die Verkaufsstrukturen blieben eigenständig. Im Werk wurden Restrukturierungs- und Rationalisierungsmaßnahmen umgesetzt.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 führte zu Entlassungen, so arbeiteten 1932 nur noch 2000 Menschen in Hannover-Limmer. Trotz der schwierigen Lage feierte man mit Continental-Reifen in den 1930er-Jahren mit Mercedes- und Auto-Union Fahrzeugen Erfolge im Motorsport. Rennfahrer wie zum Beispiel Bernd Rosemeyer (1909-1938) gelangten zu internationalem Ruhm.

Excelsior Pneumatic

Continetal-Vollgummireifen | 19.06.1922

Zeit des Nationalsozialismus

Das Continental-Werk in Hannover-Limmer zählte 1939 fast 4100 Beschäftigte. Ab 1944 wurden zunehmens Zwangsarbeiter eingesetzt. Die Continental Gummi-Werke AG Hannover war wie auch die HANOMAG AG Mitglied in der Interessengemeinschaft “Lagergemeinschaft e.V.“. Der Verein wurde 1942 gegründet und hatte später ca. 170 Mitgliedsfirmen. Die Lagergemeinschaft unterhielt unter anderem in Hannover die Zwangsarbeiterlager im Bornumer Holz (Auf der Kuhbühre), am Lindener Berg (Schwarze Flage) und in Hannover-Ricklingen / Hannover-Mühlenberg (Hamelner Chaussee).

Frauen-Konzentrationslager Hannover-Limmer

Ein Arbeitslager des Konzentrationslagers Neuengamme befand sich 1944/45 auf dem Werksgelände der Continental Gummi-Werke AG Hannover-Limmer. Kurz vor Kriegsende wurden die Gefangenen, überwiegend Frauen, in das Konzentrationslager (KZ) Bergen-Belsen bei Celle in Niedersachsen deportiert. Seit 1987 erinnert am Stockhardtweg ein Gedenkstein an das Lager. Otto Stockhardt (1839-1897) war Bankier, Teilhaber und Vorstandsmitglied der Continental.

In einem Antrag wurde 2004 der Bezirksrat Linden-Limmer aufgefordert, eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände zu errichten. 2008 bildete sich ein Arbeitskreis, der Initiativen zur Errichtung der Gedenkstätte verfolgt. Das Ziel des Arbeitskreis "EIN MAHNMAL FÜR DAS FRAUEN-KZ IN LIMMER" ist die Errichtung eines Gedenkortes für das ehemalige Frauen-Konzentrationslager, verbunden mit einem Informations- und Dokumentationsstandort.

 

Hannover-Limmer - Am Kanal m. Excelsior | 25.11.1940

Am 10. April 2015 wurde während einer Gedenkveranstaltung für die Gefangenen des Frauen-Konzentrationslager der Continental AG in Hannover-Limmer eine Informationstafel am Gedenkstein Stockhardtweg der Öffentlichkeit übergeben. Im Juni 2015 haben Archäologen auf dem ehemaligen Werksgelände bei Untersuchungen Spuren des doppelten elektrischen Stacheldrahtzauns gefunden, der das Lager umgab. Nun konnten der genaue Standort und die Ausmaße festgestellt werden.

Auf der Internet-Seite www.kz-limmer.de finden Sie einen ersten Überblick zur Geschichte des Konzentrationslagers in Hannover-Limmer, Informationen zum Arbeitskreis sowie zahlreiche Literaturhinweise und Links zum Weiterlesen.

Wiederaufbau

Den Alliierten war die Produktionsumstellung auf kriegswichtige Güter entgangen, und so blieb das Werk in Hannover-Limmer von Bombenangriffen weitestgehend verschont. Der Betrieb konnte kurz nach Kriegsende wieder technische Artikel herstellen. Das Zweigwerk wurde nach der Wiederaufbauphase um eine Walzhalle, eine Fabrikhalle für Bodenbeläge, eine Energiezentrale und Bauten für die Formen- und Maschinenfabrik erweitert, die Produktionsmaschinen und -vorrichtungen für die anderen Continental-Werke fertigte. Angeschlossen war die Lehrwerkstatt. Um 1970 arbeiteten 950 Menschen in Hannover-Limmer.

Standortaufgabe in Hannover-Limmer

Am Standort in Hannover-Limmer war das Continental-Werk Jahrzehnte lang eines der größten Arbeitgeber. Anfang der 1990er-Jahre zeichnete sich das Ende des Werks ab. 1999 wurde der Betrieb in Hannover-Limmer geschlossen. Nach einem Ideenwettbewerb 2003, für die Wasserstadt-Limmer GmbH & Co KG, sollte das ehemalige Firmengelände mit Wohn- und Geschäftshäusern zur "Wasserstadt Limmer" umgebaut werden. In den Folgejahren wurden zunächst die jüngeren Gebäudeteile abgerissen. 2008/09 wurde damit begonnen einen Großteil der historischen Gebäudekomplexe zusprengen, der Abriss wurde 2011/12 abgeschlossen. Die bestehenden denkmalgeschützten Gebäude im Südwesten des Geländes sollen erhalten bleiben und von Dienstleistungsbetrieben genutzt werden.

Propagandakarten und andere

Propagandakarten sind Ansichtskarten mit politischer oder ideologischer Propaganda, die vor allem während der beiden Weltkriege 1914-1918 und 1939-1945 häufig waren.

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG
Hannover-Linden (Propagandakarte) | 15.11.1917

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG
Hannover-Linden | 23.09.1917

Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG
Hannover-Linden | 10.07.1917

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text

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Adress- und Fernsprechbücher der Stadt Hannover
Agenten, Bader und Copisten. Hannoversches Gewerbe- ABC 1800-1900
| Ludwig Hoerner | Reichold Verlag | 1995
Das Buch der alten Firmen der Stadt Hannover im Jahre 1927 | Walter Gerlach Verlag Leipzig | 1927
Das Buch der alten Firmen der Stadt Hannover 1954 | Adolf Sponholz Verlag Hannover | 1954
Freimaurer-wiki – www.freimaurer-wiki.de
Geschichte der Stadt Hannover I/II | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche Verlag | 1994
Hannover, Die Grosstadt im Grünen | Fr. Stadelmann | Verkehrs-Verein Hannover e.V., Hannover | 1927
Hannover, Kunst-Lexikon und Kultur-Lexikon | Helmut Knocke, Hugo Thielen | Schäfer Verlag Hannover | 1994
Hannoversche Geschichtsblätter | Verlag Th. Schäfer 2. Heft, Hannover | 1910
Heimatfront Hannover - Kriegsalltag 1914-1918 | Schriften des Historischen Museums Hannover (HMH) | 2014
Linden - Ein Führer für Fremde und Einheimische | Rektor Haase II | H. Ellermann-Verlag Hannover | 1906
Linden - Geschichte einer Industriestadt im 19. Jahrhundert | Walter Buschmann | August Lax Verlagsbuchhandlung Hildesheim | 1981
Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover - www.erinnerungundzukunft.de
Nicht die Zeit, um auszuruhen. Dokumente und Bilder zur Geschichte der hannoverschen Arbeiterbewegung 1814-1949 | Peter Schulz | Verlag Buchdruckwerkstätten Hannover GmbH | 1990
Stadtarchiv Hannover
Städtische Erinnerungskultur - www.erinnerungskultur-hannover.de
Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart
| Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche GmbH & Co. KG Verlag und Druckerei | 2009
Wir aus der Kochstraße. Die Geschichte einer Straße im Arbeiterstadtteil Linden in Hannover - Landeshauptstadt Hannover, Freizeitheim Linden (Hrsg.) | 1986
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