Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
Königstraße | Schiffgraben | Tivoli-Konzertgarten
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Königstraße | Schiffgraben | Tivoli-Konzertgarten

Die Königstraße

Die Königstraße entstand als erste Straße in der vom Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves (1788-1864) geplanten Erweiterung der Ernst-August-Stadt jenseits der Bahnanlagen in Hannover. Der Plan wurde ab 1853 umgesetzt, als man 1859 mit der Eingemeindung der „Vorstadt-Hannover“ das Stadtgebiet Hannovers auf einen Schlag um das etwa Fünfzehnfache erweiterte. Das Gelände um die Königstraße wurde 1862 nach König Georg V. (1819-1878) „Georg-Stadt“ genannt, das Gebiet östlich des Schiffgrabens wurde nach seiner Frau der Königin Marie von Hannover (1818–1907) „Marien-Stadt“ genannt.

Königstrasse Hannover | F. Wunder | CDV

Die Königstraße plante Laves als nordöstliche Verlängerung der auf das königliche Hoftheater (Opernhaus) zuführenden Theaterstraße. Sie sollte das Rückgrat bilden für ein Raster aus sich rechtwinklig kreuzenden Straßen mit Wohnbebauung, das an Bahnlinie, Bernstraße, Volgersweg und Königstraße grenzte. Ursprünglich sollten die Straßen ebenso breit wie in der Ernst-August-Stadt anlegt werden, nach dem Einspruch einiger Grundstückseigentümer reduzierte man die Straßenbreiten jedoch erheblich. Lediglich die Königstraße wurde als Avenue mit Baumreihen angelegt und wurde ab den 1860er Jahren mit gehobenen Bauten und Stilelementen der Hannoverschen Schule in Verbindung mit Rundbogenstil und gotisierenden Formen, renaissancistischen oder romanischen Elementen besiedelt. Heute findet man auch noch Bauten aus der Jahrhundertwende.

Königstrasse | 06.01.1909

Königstrasse | 08.02.1914

Die Königstraße als wichtigste Verbindung zwischen den neuen Wohnquartieren zur Innenstadt und wurde 1879 als erste hannoversche Straße mit einer Asphaltdecke versehen. Begonnen wurde mit der Asphaltierung der Zugunterführung am Thielenplatz. Die Stadtbahngleise wurden bei einem Umbau entfernt. Die Straße wurde 2003 noch einmal umgestaltet.

Schiffgraben

Der Schiffgraben verläuft zwischen Aegidientorplatz und Emmichplatz wobei er die Berliner Allee kreuzt. Im Mittelalter war die heutige Straße, eine künstlich angelegte Wasserstraße, die im 19. Jhr. beim Stadtausbau in Rohre unter die Straße gelegt wurde. Der schmale Kanal, der mit einer Breite von drei bis fünf Metern eher den Charakter eines Grabens hatte, begann am Altwarmbüchener Moor und führte auf neun Kilometer Länge durch die Eilenriede zum Aegidientor. Zweck der Wasserstraße war der Transport von Torf und Holz aus dem Moor in die Stadt, wo es als Brennmaterial für eine Ziegelei benötigt wurde. Im Mittelalter gehörte der Abschnitt zwischen Steuerndieb und Altwarmbüchen zum Befestigungssystem der Hannoverschen Landwehr. Drei Kilometer des Wasserlaufes sind heute noch im Stadtwald Eilenriede erhalten.

Am Schiffgraben | 22.11.1900

Partie am Schiffgraben | 30.09.1903

Mit den Jahren verschlammte der Graben und führte häufig zu wenig Wasser, so dass er unpassierbar wurde. Deshalb beschloss die Stadt 1746, in den Torfhandel einzusteigen, da sich der Preis auf Grund von Brennmittelknappheit erhöht hatte. 1747 machte Hannover den Wasserweg durch den Bau von Schleusen wieder befahrbar. Die Torfbauern aus Altwarmbüchen, die ihr Brennmaterial auf hannoverschen Märkten anboten, fürchteten Konkurrenz im Torfhandel und sabotierten den Graben durch Zuschütten. Trotzdem wurde das vorhaben fertiggestellt. An den Rändern entstanden Laufwege zum Treideln (Schiffziehen durch Menschen oder Zugtiere) der Torfkähne. Jedes der damals sechs städtischen Boote konnte bis zu 5000 Torfsoden transportieren. Die Fahrt auf der neun Kilometer langen Strecke dauerte mehrere Tage. Die Torfschifffahrt wurde bereits 1751 eingestellt. Während der einjährigen Besetzung Hannovers 1757 durch französische Truppen unter Herzog Richelieu (1696-1788) wurde der Kanal vernachlässigt, so dass er etwa zehn Jahre nach dem Ausbau erneut verschlammte.

Mitte des 19. Jhs. wurde der Schiffgraben im Bereich der Innenstadt zwecks Stadterweiterung verrohrt und liegt unter der Straße. Das Wasser fließt unterirdisch weiter. Die steinerne Balustrade, die den Schiffgraben im innerstädtischen Bereich einfasste, dient seither als Begrenzungsmauer auf mehreren hundert Metern für den Stadtfriedhof Engesohde.

Schiffgraben | 16.09.1900

Schiffgraben | 30.02.1905

Das Wohnhaus Am Schiffgraben 1, der Familie Röhrs erbaute der Architekt Christian Heinrich Tramm (1819-1861) in den Jahren 1854/55. Zuvor hatte er sich Am Schiffgraben 10 a. 1850/51 ein Wohnhaus für sich errichtet, beide Häuser bestehen heute nicht mehr. Um das Jahr 1870 ließ sich der Chemiker und Unternehmer Carl Johann Eugen de Haen (1835-1911) vom Architekten Heinrich Köhler (1830-1903) eine Villa am Schiffgraben 34. errichten. Auch dieses Haus ist nicht mehr erhalten.

Schiffgraben | 18.10.1908

Schiffgraben - Herzlichen Glückwunsch z. neuen Jahre
31.12.1900

Die Gebäude am Schiffgraben 37 (Villa Goetze II. erbaut 1869), am Schiffgraben 41 (Villa Goetze I. erbaut 1866), und am Schiffgraben 43 (Villa Struckmann erbaut 1867), wurden als Ensemble nach Plänen des Architekten Otto Goetze (1832-1894) erbaut, und stehen heute genauso wie die Landeskreditanstalt am Schiffgraben 6, das Ehemalige Provinzial-Ständehaus (heute Niedersächsisches Finanzministerium), erbaut vom Architekten, Bauunternehmer, Politiker und Senator Ferdinand Wallbrecht (1840-1905) in den Jahren 1879 bis 1881, Schiffgraben 10, die Villen am Schiffgraben 13 und 17, sowie die Wohnhäuser am Schiffgraben 23 und 27 unter Denkmalschutz. Die Häuser am Schiffgraben 38, erbaut 1867 von Heinrich Köhler und die Villa Drechsler am Schiffgraben 39, erbaut 1868 wiederum von Otto Goetze, wurden 1950 zugunsten der Berliner Allee abgerissen.

Im ehemaligen Gebäude Schiffgraben 18 (besteht nicht mehr) befand sich das Logenhaus des Independent Order of Odd Fellows (I.O.O.F), auch Odd Fellows Orden genannt. Die Odd Fellows sind ein international tätiger, humanitärer und philanthropischer, weltlicher Orden mit teilweise ähnlichen Zielen und Wertvorstellungen wie die der Freimaurer.

Odd-Fellow-Hallen-Restaurant | 26.11.1905

Logenhaus der Independent Order of Odd Fellows (I.O.O.F)
Festsäle (Schiffgraben 18) | 19.04.1930

Der Tivoli-Konzertgarten

Der Tivoli-Konzertgarten lag an der Königstraße 1. und Schiffgraben 48. in der Hannover-Mitte, unmittelbar hinter den Eisenbahngleisen. Wer mit der Eisenbahn von Osten oder Süden heranrollte, der suchte sich einen Platz auf der rechten Seite. Und wenn dann der Zug über die Schiffgrabenbrücke fuhr, hingen die Leute in den Fenstern, um einen Blick auf den prachtvollen Konzertgarten werfen zu können. Der Tivoli-Konzertgarten war Hannovers schönste Terrassenanlage, mit Springbrunnen, Holzbauten und Illumination.

Gruss aus Hannover - Roepke`s Tivoli | 07.06.1897

Gruss aus Hannover - Tivoli | 21.09.1899

Der hannoversche Kommissionsrat Karl Röpke erteilte 1860 dem Architekten Otto Goetze (1832-1894), den Auftrag das seit den 1840er-Jahren bestehende Café "Zum blauen Affen", ab 1844 umbenannt in "Tivoli", zwischen Königstraße und dem Schiffgraben auszubauen, Fertigstellung 1878. Das Lokal bestand aus einem Restaurant und einem Café. Ab 1895 kam noch ein großer Saalbau hinzu. Die Anbauten, zum Beispiel die Königshalle wurden von Franz Heußner (1842-?) entworfen. In den Anbauten wurden auch Kabarett- und Theaterstücke aufgeführt. Offiziell hieß das Tivoli nun Tivoli-Konzertgarten.

Die Tivoligarten-Gala-Festbeleuchtung mit ihren 40 000 Gasglühlampen war bei den Gästen sehr beliebt, auch der Spiegelsaal in der Königshalle war berühmt. Die Musikmuschel war für Abonnementkonzerte und Marschmusik reserviert, die vom kaiserlichen Musikdirektor Bruno Hilpert, er war von 1893 bis 1911 auch Dirigent des Hannoverschen Instrumentalvereins und leitete den Hilpertschen Damenchor - oder vom königlichen Musikdirigenten Carl Merkel, regelmäßig geleitet wurden.

Philharmonisches Tivoli-Orchester. Begründer und Direktor:
Kaiserl. Musikdirektor Bruno Hilpert. | 18.09.1899

Capelle des I. Hannov. Inf.-Reg. Nr. 74 im Tivoli,
Kgl. Musik-Dir, Merkel | 14.10.1902

Monstre Concert im Tivoli | 13.05.1904

Mehrmals war der Deutsche Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) Gast im Tivoli-Konzertgarten. Da der Konzertgarten zwischen der sich ausdehnenden Eisenbahnlinie und der städtischen Bebauung immer mehr eingeengt wurde, verlor das Tivoli bald an Attraktivität. Aus dem bürgerlichen Konzertgarten wurde ein sogenanntes Spezialitätentheater und danach ein Varieté.

Tivoli Beer Garden Hanover - Bert Underwood Publishers New York | Stereofoto | 1904

Zwangsversteigerung und Nahrungsmittel- und Kochkunstausstellung

Am 21. September 1901 wird der Tivoli-Konzertgarten zwangsversteigert, den Zuschlag bekam Wilhelm Mussmann (1870-1940), der auch Hotelbesitzer (Hotel Mussmann) war. Vom 16. bis 25. September 1910 fand in den Tivolianbauten die "Allgemeine Deutsche Fachgewerbliche Nahrungsmittel- und Kochkunstausstellung" mit mehreren Hundert Teilnehmern statt.

Monstre-Concert im Tivoli (Inh.: W. Mussmann).
(120 Musiker) | 12.01.1905

Königshalle Concerthaus Tivoli - Inh. W. Mussmann
29.03.1909

Der Erste Weltkrieg (1914-1918)

Während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 wurden die Räume des Tivoli-Konzertgartens, wie auch zahlreiche andere Gebäude in Hannover und Linden, als Reserve-Lazarett V., Abt. Tivoli genutzt.

Das "Eiserne Sachsenross" von 1915 im Tivoli

Der "Wehrmann in Eisen“, auch "Nagelmann“ genannt, war eine Propagandaaktion während des Ersten Weltkriegs. Gegen eine Spende durfte man einen Nagel in das dafür aufgestellte Objekt einschlagen. Mit den Einnahmen wurden Kriegshinterbliebene und Verwundete unterstützt, da die staatlichen Sozialfonds nicht über ausreichende Finanzmittel zur Versorgung verfügten.

Das "Eiserne Sachsenross" in Hannover wurde ab August 1915 erstmals benagelt und im Tivoli-Konzertgarten aufgestellt. Dort versammelten sich Vereine aller Art, auswärtige Besucher und auch Schulklassen zum Nageln und Spenden.

Der Lehrer, Schulrektor und Schriftsteller Ernst Kammerhoff (1869-1959) aus Itzehoe in Schleswig-Holstein sprach zur feierlichen Einweihung am 15. August 1915 für die "Freiwillige Kriegshilfe Hannover und Linden" folgenden Weihespruch:

Liebe lieh uns den Gedanken,
Deutsche Tat ließ ihn entsteh`n,
Deutscher Gott gib Du den Segen,
lass uns Deine Gnade seh`n!

Weitere Nagelfiguren in Hannover waren der "Roland" im Gasthaus "Zum Roland“ in der Hildesheimer Straße 27., in der Hannover-Südstadt, er wurde ab dem 5. März 1916 aufgestellt und benagelt. Gestiftet wurde die Figur vom Gastwirt Heinrich Bleitner und vom Bildhauer H. Klawe geschaffen. Im Gasthaus "Zum Bahnhof" (Hannover-Hainholz) wurde vor dem 9. Oktober 1916 ein Tisch benagelt. Eine Feldkanone (Oskar) wurde ab Ende August 1915 benagelt und eine weitere Feldkanone (Roland) ab April 1916.

Reserve-Lazarett V. Abt. Tivoli | 12.05.1917

Das eiserne Sachsenroß von 1915
(Einweihung) | 07.09.1916

Am 19. August 1915 fand im Tivoli-Konzertgarten ein Militärkonzert zugunsten der "Freiwilligen Kriegshilfe Hannover und Linden" statt. Es spielte das Musikkorps des Hannoverschen Reserve-Infanterie-Regiments 215 unter der Leitung des Kapellmeisters Christian Straßner. Der Reinerlös des Konzertabends wurde für die Hinterbliebenen des Regiments verwendet.

Bekannte Künstler im Tivoli-Konzertgarten

Kurt Schwitters (1887-1948) stellte 1923 im Tivoli-Konzertgarten seine erste "MERZ-Matinee" mit großem Erfolg vor. Es traten unter anderem der berühmte Clown Grock, eigentlich Charles Adrien Wettach (1880-1959), die drei Rivels, der international gefeierte italienische Jongleur Enrico Rastelli (1892-1931), die Kabarettisten Frank Wedekind (1864–1918) und Otto Reutter (1870–1931) im Tivoli-Konzertgarten auf. Auch die exotische Nackttänzerin Adorée Villany (1891-?) trat im Tivoli auf.

In den Jahren 1924, 1926, 1932 und 1933 fanden im Tivoli-Konzertgarten die "Internationalen Ringkampfveranstaltungen" statt. Veranstalter war der Internationale-Ringer-Verband (IRV Berlin). Im Juli 1930 trat das "Harry Fleming and His Blue Bird’s Symphonic Jazz Orchestra“ im Tivoli auf, bevor es danach weiter, nach Hamburg-St. Georg ging. Das 15-köpfige Orchester und die acht "Fleming Girls" waren die erste schwarze Jazz-Band aus den USA, die auf dem europäischen Kontinent auftrat.

Das Ende des Tivoli-Konzertgartens

Das Grundstück des Konzertgartens geht 1937 mit allen Gebäuden in den Besitz der Deutschen Reichsbahn (DR) über und wird daraufhin schon bald abgebrochen. Von 1899 bis 1999 gab es die Tivolistraße - direkt am Bahndamm gelegen. Heute ist vom Tivoli-Konzertgarten nur noch ein Bodenmosaik mit dem Namenszug "Tivoli" in einer Garage, in der Königstraße erhalten.

Weitere Tivoli-Karten | CDV (Carte-de-Visite) | KAB (Kabinettfotos) und Stereofotos

Tivoli | 03.10.1900

Gruss aus dem Tivoli - Spiegel-Terrasse | 27.01.1905

Tivoli | 02.04.1913

Tivoli-Concertgarten | CDV

Tivoli-Musikpavillon - Römmler & Jonas | CDV

Tivoli-Concerthaus - Atelier Georg Reese

Tivoli-Concerthaus - Atelier Georg Reese

Tivoli-Hannover | 03.03.1902

Tivoli Konzert-Etablissement | 19.11.1911

Tivoli-Concerthaus - Inh. W. Mussmann | CDV | 1889

Tivoli-Concerthaus - Atelier Georg Reese

Fotaine im Tivoli | CDV

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / CDV / KAB / Postkarten / Text

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Adress- und Fernsprechbücher der Stadt Hannover
Geschichte der Stadt Hannover I/II | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche Verlag | 1994
Hannover, Die Grosstadt im Grünen | Fr. Stadelmann | Verkehrs-Verein Hannover e.V., Hannover | 1927
Hannover, Kunst-Lexikon und Kultur-Lexikon | Helmut Knocke, Hugo Thielen | Schäfer Verlag Hannover | 1994
Stadtarchiv Hannover
Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche GmbH & Co. KG Verlag und Druckerei | 2009
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