Mellini-Theater (Operetten- und Varieté-Theater)

Der Zauberkünstler, Schausteller und Theatergründer Hermann Mehl (1843-1923) kam in den 1880er-Jahren nach Hannover und trat dort unter seinem Künstlernamen "Hermann Mellini" auf. Er ließ 1889 in der damaligen Artilleriestraße 10. (seit 1953: Kurt-Schumacher-Straße 25/27.), in Hannover-Mitte, ein Operetten- und Varieté-Theater mit 2000 Plätzen errichten.

Das Mellini-Theater wurde am 7. September 1889 nach nur fünf Monaten Bauzeit eröffnet. Die Bühne war 17,0 Meter hoch, 14,0 Meter breit und 12,0 Meter tief. Die Architekten waren der Architekt Theodor Hecht (1850-1917) und der Architekt Heinrich Siepmann (1850-1892). Der Giebel des Gebäudes war mit symbolischen Darstellungen des Tanzes, des Gesangs und der Akrobatik des Bildhauers Carl Dopmeyer (1824-1899) geschmückt. Das Deckengemälde im Theatersaal schuf der in Hannover geborene Maler und Kunstprofessor Ernst Pasqual Jordan (1858-1924).

Gruss aus dem Mellini-Theater | 1897

Hermann "Mellini" Mehl (1843-1923), Zaubererkünstler, Schausteller und Theatergründer

Hermann Mehl wurde am 17. Dezember 1843 als Sohn des Schaustellers August Mehl in Schönebeck/Sachsen-Anhalt geboren. Er legte sich den Künstlernamen “Mellini“ zu und bereiste als Zaubererkünstler Deutschland, Österreich (er trat 1881 in den Wiener Blumensälen auf), Ungarn, die Türkei, Russland, Skandinavien und die Schweiz, ehe er um 1882 das Odeontheater in Hannover übernahm. Nachdem Hermann "Mellini" Mehl mit dem Odeontheater keinen Erfolg gehabt hatte, erwarb er das Willarelsche Museum und ging damit auf Reisen in Deutschland und Europa. Das Museum stieß er jedoch bald wieder ab, um 1887 nach Hannover zurückzukehren, wo er 1889 das Mellini-Theater gründete. Das Theater blieb bis ca. 1895/96 in seinem Besitz. Eigentümer und Direktor war nach dem Verkauf des Mellini-Theaters mit dem Gebäude, Fritz Kirchhoff und L. Matzenauer wurde Kapellmeister. Auch nach dem Verkauf hatte Hermann "Mellini" Mehl weiterhin die künstlerische Leitung des Hauses inne.

Zu seinen Zaubertricks gehörte die elektrische Trommel, der Goldfischfang, der Talerfang, der Ibykus-Kopf, der tanzende Hampelmann, die Entenjagd, die Selbstenthauptung, die Sphynx und die rätselhafte Erscheinung, der verschwundene und doch sprechende Mensch, Protheus, Metamorphosen und der Wunderschrank. Am 25. August 1923 starb Hermann "Mellini" Mehl im Alter von 80 Jahren in Berlin.

Jean Clermont (1859-1930), Artist, Varietékünstler und Zirkusdirektor

Der Artist, Varietékünstler, Zirkusdirektor und Mitbegründer der 1901 gegründeten Internationalen Artistenloge (IAL), Jean Clermont trat 1893 im Mellini-Theater auf.

Jean Clermont wurde am 14. Juli 1859 in Aachen/Nordrhein-Westfalen geboren. Ab 1882 war er Direktor seines eigenen Zirkusunternehmens. Er zog 1894 nach Sachsenhausen-Mark bei Berlin und wohnte in der Villa Pauline. Zu seinem 50-jährigen Bühnenjubiläum brachte er 1924 im Selbstverlag eine Jubiläumsschrift "1874-1924 - Jean Clermont 50 jähriges Artisten-Jubiläum" heraus. Er tourte durch die ganze Welt und besuchte unter anderen auch Washington D. C., New York City und Los Angeles in den USA. Jean Clermont verstarb am 16. Mai 1930 in der Charité, in Berlin.

 

Casino-Restaurant und Verkauf des Gebäudes und des Theaters

Neben dem Mellini-Theater befand sich das Casion-Restaurant von Heinrich Feuering. Das Restaurant in der Artilleriestraße 11. war einer der vornehmsten Gastronomiebetriebe in der Stadt Hannover. Um 1895/96 wurde das Mellini-Theater mit dem Gebäude verkauft; Eigentümer und Direktor des Theaters war nun Fritz Kirchhoff. Der Verkauf des Gebäudes und des Theaters hatte auf das Casino-Restaurant keinen direkten Einfluss.

Die "Lebenden Photographien" der Madame Olinka

Ab 1897 tauchten erstmals laufende Bilder als Teil von Varieté-Vorstellungen auf, dies waren die "Lebenden Photographien" der Madame Olinka. Wer sich hinter dem Künstlernamen Madame Olinka verbarg, ist unbekannt.

Im Februar 1897 waren ihre Filmvorführungen im Mellini-Theater zu sehen. Das Theater zeigte bald darauf regelmäßig zum Abschluss der Vorstellungen "Lebende Photographien". Damit sind in Hannover sehr früh die typischen Strukturen von Varieté mit Film (Lichtspiele/Kino) entwickelt.

"Internationale Ringkampf-Konkurrenz"

Im Mellini-Theater fand 1906 die Ringkampfveranstaltung "Internationale Ringkampf-Konkurrenz" statt. Veranstalter war der Internationale Ringer Verband (IRV Berlin). Ab 1910 wurde damit begonnen, das Mellini-Theater aufwendig zu renovieren und der Innenraum wurde umgestaltet.

Direktor Anton Lögen jun.

Noch vor 1912 wird Anton Lögen jun. Eigentümer und Direktor des Mellini-Theaters. Er war seit 1907 auch Direktor des Central-Theaters (1907 eröffnetes Varietétheater mit fast 1.800 Plätzen) in Magdeburg/Sachsen-Anhalt.

Hermann "Mellini" Mehl blieb weiterhin für die künstlerische Leitung des Hauses verantwortlich und Gustav Sorge war nun Kapellmeister.

Gruss aus Casino-Restarant, Inhaber H. Feuering
Artilleriestrasse 11, neben dem Mellini-Theater | 18.01.1897

Eintrittskarte (Balcon Sitz No. 115 links) des
Mellini-Theater Saison 1906/07

Dank an Julia Klasen - Theaterkarten Sammlung Klasen

Mellini-Theater | 15.10.1911

Artilleriestrasse u. Mellinitheater | 21.10.1913

Adolf Wohlauer (1893-1943), Dirigent, Komponist und Inhaber eines Notenschreibbüros.

Der jüdische Dirigent und Komponist Adolf Wohlauer, er war seit 1921 auch Inhaber eines Notenschreibbüros in Berlin, war 1913 noch während seiner Studienzeit, in Hannover, Kapellmeister am Mellini-Theater. Am Freitag, den 29. Januar 1943 wurde er in das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz im damals deutsch besetzten Polen deportiert, seitdem gilt er als verschollen.

Im Oktober 1914 traten im Varieté-Programm unter anderem die Equilibristen Londe & Tilly, die vier Akrobaten Amaranths, die Damen-Radfahrtruppe 8 Kaufmanns und der Zauberkünstler Harry Steffin auf. Danach wurde im zweiten Programmteil das Volksstück "Der Kaiser rief" aufgeführt.

Alfred Heinen (1880-1943), eigentlich Alfred Levy, Humorist und rheinischer Sänger

Der jüdische Humorist und rheinische Sänger Alfred Heinen, eigentlich Alfred Levy trat ebenfalls im Oktober 1914 im Varieté-Programm des Mellini-Theaters auf. Er wurde 1880 als Alfred Levy in Mönchengladbach/Nordrhein-Westfalen geboren und nannte sich später Alfred Heinen. Er wurde Varietésänger und trat unter anderem im Wintergarten Varieté in Berlin auf. Verheiratet war er mit Selma Heinen (1887-1943), geb. Fuchs - das Ehepaar hatte eine Tochter, Margot Heinen (1911-1943)

Im Juli 1933 musste die Familie Deutschland verlassen und floh in die Niederlande, wo Alfred Heinen in Amsterdam wieder als Unterhaltungskünstler arbeiten konnte. Am 9. Januar 1943 wurde das Ehepaar in das Vernichtungslager Sobibor, im südöstlichen Polen verschleppt und dort umgebracht. Ihre Tochter starb am 30. November 1943 im Konzentrationslager (KZ) Auschwitz in Polen.

Rudolf Senius (1866-?), Theater- und Filmschauspieler

Von 1915 bis 1918 war der Theater- und Filmschauspieler Rudolf Senius (1866-?) am Mellini-Theater beschäftigt. Mit großem Erfolg wurde 1916 das Singspiel "Das Dreimäderlhaus" des aus Österreich stammenden Komponisten Heinrich Berté (1857-1924), eigentlich Heinrich Bettelheim aufgeführt.

Gruss aus dem Mellini-Theater Hannover | 01.12.1913

Förster-Christel, Mellini-Theater, Schlußscene II. Akt | 18.05.1915

Walter Jankuhn (1888-1953), Operettentenor, Theater- und Filmschauspieler

Walter Jankuhn wurde am 14. Juli 1888 in Königsberg, in Preußen (heute Kaliningrad/Russland), geboren. Der spätere Operettentenor und Schauspieler hatte nach seiner Ausbildung als Sänger diverse Engagements am Mellini-Theater. Ab 1892 sang und spielte er dann auch an Berliner Bühnen. Walter Jankuhn gehörte später zu den bekanntesten Operettentenören Berlins der 1920er und 1930er-Jahre. Er war 1919 im Singspiel "Hannerl" am Mellini-Theater mit Elsa van Kaick zu sehen. Walter Jankuhn starb am 22. Mai 1953 in Berlin-Schöneberg.

Förster-Christel, Mellini-Theater
Frl. Reimers - Herr Jankuhn  

Mellini-Theater, Elsa van Kaick als
"Hans" im Singspiel "Hannerl".
11.08.1919

Mellini-Theater, Elsa van Kaick als
"Hannerl" im Singspiel "Hannerl".

Operettentheater und "Kraft durch Freude (KdF)" Theater

Anton Lögen jun. beantragte 1924 die Übernahme der Konzession für das Mellini-Theater bei der Reichstheaterkammer (RTK). Das Theater wurde dann 1930 von Anton Lölgen jun. gekauft. Er wandelte zusammen mit seinem Oberspielleiter Fritz Petzold das Haus in ein reines Operettentheater um. Man führte im gleichen Jahr unter anderem die Operette "Die Hose des Tenors" und als Gastspiel "Dienstmann Nr. 48" unter der Regie von Wilhelm Hartstein, auf.

Programmheft des Mellini-Theaters in Hannover, Direktion Anton Lölgen jun. | um 1930

Ab 1939 begann man das Haus zu sanieren und im Oktober 1939 wurde die Wiedereröffnung gefeiert. Die Umbauarbeiten wurden durch den Göttinger Architekten Diez Brandi (1901-1985) durchgeführt. Er ließ die Fassade im Stil der Architektur des NS-Regimes umgestalten. Von 1939 bis 1945 war das Mellini-Theater ein Teil des "Kraft durch Freude (KdF)" Programms der Nationalsozialisten. Ebenfalls von 1939 bis 1941 trat die in Hamburg geborene Volksschauspielerin Brigitte Mira (1910-2005) hier auf, auch der Regisseur und Theaterschauspieler Franz Köchel und der österreichische Heldentenor, Kammer- und Operettensänger Hans Beirer (1911-1993) feierten im Mellini-Theater erste Bühnenerfolge.

Mellini-Theater Foyer | 28.11.1917

Mellini-Theater Vestibül | 16.06.1918

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die Kammerspiele Hannover und der Abriss

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Mellini-Theater 1943 durch Fliegerbomben stark beschädigt. Nach umfangreichen Aufräumungsarbeiten in den Kellerräumen des Theaters, wurden dort 1946 zeitweise die neu gegründeten Kammerspiele Hannover, unter der Leitung des Schauspielers, Drehbuchautors und Filmregisseurs Jürgen von Alten (1903-1994) und des Schauspielers, Theaterpädagogen und Regisseurs Hans-Günther von Klöden (1907-1986) eröffnet. Man führte unter anderem Bertolt Brechts (1898-1956) Dreigroschenoper auf. 1954 wurde das Gebäude abgerissen. Heute befindet sich auf dem Grundstück die Hauptgeschäftsstelle der Hannoverschen Volksbank eG.

Mellini-Theater Tunnel | 02.12.1918

Mellini-Theater Zuschauerraum | 21.12.1923

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text

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Ausstellungskatalog: Lichtspielträume - Kino in Hannover 1896-1991 | Rolf Aurich, Susanne Fuhrmann, Pamela Müller | Gesellschaft für Filmstudien e.V. (GFS) | 1991
Fahrend Volk. Abnormitäten, Kuriositäten und interessante Vertreter der wandernden Künstlerwelt | Signor Saltarino (Hermann Waldemar Otto) | Weber Verlag | 1895
Geschichte der Stadt Hannover II | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche Verlag | 1994
1939. Hannovers Weg in den Zweiten Weltkrieg | Wolfgang Steinweg | Verlagsgesellschaft Madsack Hannover | 1989
Hannover, Die Grosstadt im Grünen | Fr. Stadelmann | Verkehrs-Verein Hannover e.V., Hannover | 1927
Hannover, Kunst-Lexikon und Kultur-Lexikon | Helmut Knocke, Hugo Thielen | Schäfer Verlag Hannover | 1994
Heimatfront Hannover - Kriegsalltag 1914-1918 | Schriften des Historischen Museums Hannover (HMH) | 2014
1874-1924 - Jean Clermonts 50-jähriges Artisten-Jubiläum | Selbstverlag | 1924
Joods Monument - www.joodsmonument.nl
Kinowiki - Die Geschichte der Lichtspieltheater in Deutschland.
Programmheft - Mellini-Theater in Hannover, Direktion Anton Lölgen jun. | um 1930
Stadtarchiv Hannover
Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche GmbH & Co. KG Verlag und Druckerei | 2009
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