Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
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© Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017

Schaubuden / Sideshows (Abnormitätenschauen) | Panoptikum / Panoptiken (Wachsfigurenkabinett)

Um die Jahrhundertwende stellten Abnormitätenkabinette (Schaubuden mit lebenden Menschen und oder/auch Panoptiken - Wachsfigurenkabinette) körperliche Behinderungen zur Schau. Ansichts- und Postkarten der abnormen Attraktionen wurden auf den diversen Jahrmärkten und auch in fest installierten Kabinetten als Souvenirs an die zahlreichen Besucher verkauft.

In den USA nannte man diese Attraktionen Sideshows. Eine Sideshow war ein spektakuläres Beiprogramm von Jahrmarkt- und Zirkusveranstaltungen für ein Publikum aus einfachen Verhältnissen. Die Sideshow konnte eine Abnormitätenschau, eine Art Völkerschau, ein Varieté-Programm wie das US-Vaudeville (eine Mischung aus Varieté und Zirkusprogramm) oder eine erotische Darbietung wie die Burlesque sein. Zu den letzten regelmäßigen Sideshows mit humorvollhistoristischem Anstrich gehören die Sideshows by the Seashore auf Coney Island/Brooklyn, bei New York City, in den USA.

Paul Schaerf (1868-1917), Verleger und Impresario

Der Verleger und Impresario Paul Schaerf wurde 1868 in Gera-Reuß/Thüringen geboren. Er gab von 1902 bis 1914 die Zeitschrift "Der Impresario" heraus. Die Publikation war die Zeitschrift reisender Impresarien, Abnormitäten, Manager und Schausteller. Er betrieb auch die Grafische Kunstanstalt Paul Schaerf, später Mucke & Schaerf in Gera-Reuß. Sein Verlag produzierte und vertrieb für viele Schaubuden-Abnormitäten und vor allem für die Tätowierten unter ihnen Ansichtskarten, Wurfkarten und Plakate. Paul Schaerf war auch als Impresario (Manager) für mehrere Künstler tätig und kreierte auch ihre fantasievollen Künstlernamen. Vermutlich fiel Paul Schaerf als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er starb 1917 in Pilsen/Tschechien.

Castans Panoptikum | Berliner Passage-Panoptikum | Passage-Theater (Passage-Theater-Cabaret)

Castans Panoptikum war ein Berliner Wachsfigurenkabinett. Inhaber des von 1869 bis 1922 bestehenden Panoptikums waren die Berliner Bildhauer-Brüder Louis Castan (1828-1909) und Gustave Castan (1836-1899). Neben dem Hauptgeschäft in der Königstraße, am Schlossplatz in Berlin-Mitte gab es auch eine Filiale in Köln/Nordrhein-Westfalen, in der Hohe Straße 11-13., im Gebäude befand sich auch die "Dachauer-Bauern-Schänke". Weiter Filialen gab es in Frankfurt am Main/Hessen, in der Kaiserstraße 67-69., in Dresden/Sachsen, Breslau (heute: Polen) und in Brüssel/Belgien.

Ein Brand zerstörte 1872 die Berliner Ausstellungsräume, sodass sich die Brüder Castan sich nach einem anderen Standort umsahen mussten und mit ihrer Ausstellung 1873 in die neu eröffnete Kaisergalerie (Passage) in der Berliner Friedrichstraße (heutiger Standort: Haus der Demokratie - Friedrichstraße 165) umzogen und dort mit ihrem Unternehmen neu starteten.

In den 1880er-Jahren hatte sich Castans Panoptikum derart vergrößert, dass 1888 ein erneuter Umzug erforderlich wurde. Im gegenüberliegenden neu erbauten Haus der Münchener Pschorr-Brauerei residierte man nun über vier Etagen. Dort machte man dem nur ein paar Schritte entfernten, von einer 1888 neu gegründeten Gesellschaft (Actien-Bauverein-Passage), eröffneten Berliner Passage-Panoptikum in der Friedrichstraße (Kaisergalerie/passage) Konkurrenz.

Ausgestellt wurden bedeutende Gestalten der Weltgeschichte, medizinische "Monstrositäten" sowie Angehörige fremder Kulturen und Völker. Hauptschaustücke des Panoptikums waren die berühmten Persönlichkeiten, die der Bildhauer Gustave Castan in Wachs verewigt hatte. Seine lebensgroßen Figuren wurden oft als Teil von Szenerien ausgestellt. Die Wachsfiguren ehrenwerter Persönlichkeiten standen oft nicht weit entfernt von Massenmördern wie zum Beispiel Jack the Ripper. Es kam nicht selten vor das an einem einzigen Wochenende bis zu 10.000 Besucher Castans Panoptikum besuchten.

Gruss aus Berlin - Castans Panopticum
Der Harem im Irrgarten | 03.03.1902

Neben der Dauerausstellung traten, auch wechselnd und in speziellen Räumen, lebende Menschen auf: Sänger, Tänzer, Instrumentalgruppen, Bauchredner oder Hungerkünstler, Kolossalmenschen, Riesen und Liliputaner, abnorm Behaarte oder Andere, die körperlich nicht der Norm entsprachen. Auch lebende Tiere, vermittelt durch den Hamburger Tierhändler, Völkerschauausrichter und Zoodirektor Carl Gottfried Wilhelm Heinrich Hagenbeck (1844-1913), gab es dort zu sehen.

Friedrichstrasse | 16.09.1905

Ansicht auf den Eingangsbericht des Berliner Panoptikums (mitte), in der Friedrichstraße (Kaisergalerie). Links befindet sich Castans Panoptikum im Gebäude der Pschorr-Brauerei.

Frankfurt a. M. Kaiserstrasse mit Panopticum

Castans Panoptikum schloss 1922 aus Wirtschaftlichen gründen und die Exponate wurden meistbietend versteigert. Zuvor wurden schon die Filialen in Köln und Frankfurt am Main geschlossen. Mehrere Teile der Originalausstellung wie zum Beispiel Wachsfiguren sowie einige historische Automatenfiguren und medizinische Exponate wurden von Mai 2013 bis 2014 im Panoptikum Mannheim in Baden-Württemberg ausgestellt. Danach wurden die historischen Objekte 2014 erneut verkauft.

Das Berliner Passage-Panoptikum wurde 1900/01 vom neuen Besitzer Theodor Rosenfeld (1851-1907), er betrieb in Berlin und New York City/USA mehrere Theater, in Passage-Theater (Passage-Theater-Cabaret) umbenannt. Der Betrieb verfügte 1907 über mehrere Konzertsäle, ein Anatomisches Museum, einen Abnormitätensaal und eine ethnografische Sammlung.

Friedrichstrasse Ecke Behrenstrasse | 05.05.1908
(Passage-Theater / Passage-Theater-Cabaret)

Friedrichstraße (Passage) | 26.12.1915
(Passage-Panoptikum mit Passage-Theater)

Der aus Kairo in Ägypten stammende Feuerschlucker und Zauberkünstler Mohamed Soliman (1878-1929), kaufte 1915 das in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratene Passage-Theater mit dem Panoptikum, dem Anatomischen Museum und dem Wiener Café. Er ändert den Namen wieder in Passage-Panoptikum mit Passage-Theater (nach dem Ersten Weltkrieg Lichtspieltheater (Kino) mit 550 Sitzplätzen) und Linden-Cabaret um. Unter seiner Leitung schrieb das Unternehmen wieder schwarze Zahlen.

Im Linden-Cabaret trat unter anderem die Schauspielerin und Volkssängerin Claire Waldoff (1884-1957), eigentlich Clara Wortmann auf. Bedingt durch die Inflation und Weltwirtschaftskrise wurde das Passage-Panoptikum mit dem Lichtspieltheater und dem Linden-Cabaret 1923 geschlossen. Die Exponate aus dem Panoptikum und dem Museum wurden versteigert.

George B. Bunnell (1835-1911), Museumsdirektor und Sideshow-Manager

George B. Bunnell wurde am 4. August 1835 in Fairfield County, Connecticut/USA geboren, er war Museumsdirektor und Sideshow-Manager beim späteren Zirkuskönig Phineas Taylor Barnum (1810-1891). Verheiratet war George B. Bunnell seit dem 13. Februar 1877 mit Caroline H. Bunnell (1852-1938), geb. Beardsley, genannt "Carrie". Sie wurde ebentfalls in Fairfield County, Connecticut geboren. Mit Phineas Taylor Barnum als stillen Teilhaber eröffnete George B. Bunnell 1876 das "New American Museum" (Bunnell’s Museum) in der Bowery Street 103-105, in Manhattan/New York City/USA. Drei Jahre später zog das Museum 1879 in größere Räume, in die Bowery (Bowery Street 298) um, und am 2. Juni 1879 brannte es komplett ab.

Danach eröffnete George B. Bunnell ohne Phineas T. Barnum am 8. Dezember 1880 ein neues Museum am Broadway 711 in Manhattan. Das "Bunnell’s Museum" zeigte nun neben den üblichen Wachsfiguren und anderen Kuriositäten auch zahlreiche, lebende Schaubuden-Abnormitäten, wie zum Beispiel Albinos, Bartdamen, Kolossal-Menschen, Liliputaner, Riesen, Siamesische Zwillinge und vor allem in den Wintermonaten Tätowierte. Das Museum zog noch mehrmals um und wurde auch immer wieder umbenannt. George B. Bunnell starb mit 76 Jahren am 3. Mai 1911 in Greens Farms, Fairfield County, Connecticut/USA.

The Palace Panopticum Blackpool

In der Küstenstadt Blackpool/England wurde, 1903 von der Blackpool Tower Company, der 1899 eröffnete "Alhambra Entertainment-Komplex", nach Konkurs gekauft und 1904 als "The Palace" mit dem "The Palace Panopticum" wiedereröffnet.

Nachdem die Blackpool Tower Company das Alhambra gekauft hatte wurden das Gebäude umgestaltet und bekam als eines der ersten Gebäude weltweit eine Rolltreppe. Auch der Innenraum des Ballsaals wurde umgestaltet und als Ausstellungshalle für das "The Palace Panopticum" genutzt. Das Gebäude wurde im Juli 1904 als "The Palace" mit Panoptikum und weiteren Attraktionen wiedereröffnet. Im Panoptikum wurden bedeutende Gestalten der Weltgeschichte, sowie Angehörige fremder Kulturen und Völker ausgestellt. Hauptschaustücke des Panoptikums waren jedoch die berühmten Persönlichkeiten.

The Palace Panopticum Blackpool

Panopticum Tableau | 03.08.1910

Aus dem Panoptikumsaal wurde wenige Jahre später wieder ein Ballsaal und Theater (The Palace Ballroom). Ab 1911 dann ein Kino/Lichtspielhaus (The Palace Picture Pavilion) und später wieder ein Ballsaal mit Theater und Varieté (The Palace Variety Theatre). Das Gebäude wurde 1961 abgerissen, um Platz für "Lewis Kaufhaus", später eine Woolworths-Filiale zu schaffen.

Lunapark Coney Island

Frederic Thompson (1872-1919) und Elmer Scipio Dundy (1862-1907) eröffneten 1903 auf der Insel Coney Island/Brooklyn, bei New York City, in den USA den Lunapark. Die Anlage befand sich im Karree Neptune Avenue, 8. Straße West, Surf Avenue und 12. Straße West. Die meisten Attraktionen waren dabei um eine künstlich angelegte Lagunenstadt im orientalischen Baustil gruppiert, die vom 60 m hohen Electric Tower überragt wurde. Die über 1200 Giebel und Türmchen konnten mit 250.000 Glühbirnen in verschiedenen Farben beleuchtet werden. Der Park wurde mit einigen Fahrgeschäften mit gleichem oder ähnlichem Konzept ergänzt. Daneben war der Lunapark für seine dressierten Elefanten und Abnormitätenschauen bekannt.

Spectators Boxes in Luna Park Coney Island | 08.08.1906

Interior View of Luna Park, Coney Island N. Y. | 20.06.1907

Nachdem Elmer Scipio Dundy 1907 starb, geriet das Unternehmen in Finanzelle Schwierigkeiten und wurde 1912 durch eine Investorengruppe übernommen. Trotz großer Anstrengungen musste man während der Wirtschaftskrise im Mai 1933 und erneut 1939 Konkurs anmelden. 1941 wurden einige Exponate der New Yorker Weltausstellung von 1939/40 im Lunapark als Dauerausstellung gezeigt. Am 12. August 1944 wurden zwei Drittel der Anlage durch ein Großfeuer zerstört, in dessen Konsequenz das Areal an eine Immobilienfirma verkauft wurde, sodass der Lunapark 1946 aufgegeben werden musste.

Birds Eye View of Luna Park, Coney Island, N. Y. | 28.07.1913

Luna Park Surf Avenue by Night, Coney Island N. Y.
27.09.1918

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text

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Show Freaks und Monster. Sammlung Felix Adanos | Hans Scheugl | Verlag: DuMont Buchverlag | 1978
Angelika Friederici - www.castans-panopticum.de
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