Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
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Stolpersteine in Linden-Limmer

Stolpersteine erinnern an Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden sind. Die Betonsteine werden an ihrem letzten selbst gewählten Wohnort in den Fußweg eingelassen. Eine Messingplatte auf der Oberfläche nennt mit der Inschrift "Hier wohnte..." den Namen, den Geburtstag sowie die Umstände des Todes. Der kölner Künstler Gunter Demnig ist Initiator der Stolpersteine. In Hannover erinnern insgesamt 360 Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ein Stolperstein für Otto Schartenberg (1875-1938).

Otto Schartenberg (1875-1938) wurde am 27. September 1875 in Zierenberg/Hessen geboren. Verheiratet war er seit 1904 mit Frederika (Frieda) Schartenberg, geb. Lorge (1879-1940). Frida Schartenberg wurde am 2. Mai 1879 in Harmuthsachsen in Hessen geboren. Das Paar hatte zwei Söhne: Ernst Schartenberg (1905-1953) und Harry Schartenberg (1908-1986). Beide Söhne kamen in Zierenberg zu Welt. Ernst Schartenberg am 29. Juli 1905 und Harry Schartenberg am 22. Juli 1908. Otto Schartenberg war um 1924 Vorsteher der jüdischen Gemeinde Zierenberg.

Im Februar 1932 zog Ernst Schartenberg mit seiner Ehefrau Meta Schartenberg, sie war nicht jüdischen Glaubens nach Hannover. Bis 1935 wohnte das Paar in der Alexanderstraße 4., in Hannover-Mitte und seit dem 1. Oktober 1936 in der Stephanusstraße in Linden-Mitte. Das Ehepaar bekam in Hannover zwei Söhne: Wolfgang Schartenberg wurde 1932 geboren und Günther Schartenberg 1935. Im Juni 1932 zog dann der zweite Sohn Harry Schartenberg mit seiner Ehefrau Charlotte Schartenberg nach Hannover. Die Eltern folgten im Dezember 1932 und zogen in die Rampenstraße 5., in Linden-Mitte.

Harry und Charlotte Schartenberg emigrierten schon 1933 nach Frankreich. Nachdem sich das Paar trennte, gründete Harry Schartenberg in Frankreich eine neue Familie.

In der Nacht vom 9./10. November 1938 (Novemberpogrom) wurden Otto und Ernst Schartenberg verhaftet und im Polizeigefängnis Hardenbergstraße und in der Turnhalle der ehemaligen Kriegsschule am Waterlooplatz inhaftiert. Am 11. November 1938 wurden beide in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar in Thüringen verschleppt.

Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager (KZ) Buchenwald konnte Ernst Schartenberg am 29. Juli 1939 nach England fliehen. Vermutlich auf Druck der Gestapo (Geheime Staatspolizei), ließ sich Meta Schartenberg 1943 von Ernst Schartenberg scheiden.

Otto Schartenberg starb wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager (KZ) Buchenwald am 30. November 1938, vermutlich an den Folgen seiner Haft, im Alter von 63 Jahren im jüdischen Krankenhaus in der Ellernstraße, im Hannover-Zooviertel. Auf dem jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld erinnert ein Grabstein an Otto und Frida Schartenberg.

Am 30. September 2016 wurde zum Gedenken an Otto Schartenberg in der Rampenstraße 5., ein Stolperstein gesetzt.

Stolpersteine für die Familie Katz.

Der Tabakwarenhändler Oskar Katz (1893-1962) wurde am 17. Januar 1893 in Hannover geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Gustav Katz und dessen Ehefrau Johanne Katz, geb. Magnus. Oskar Katz leistete ab April 1915 seinen Kriegsdienst und kehrte im Juni 1919 nach Hannover zurück. Danach war er als Buchhalter in Hannover tätig und heiratete am 1. Oktober 1919 Meta Katz, geb. Proskauer (1894-1947). Meta Katz wurde am 10. August 1894 in Hann. Münden, in Niedersachsen als sechstes Kind der Eheleute Salo Proskauer und Pauline Proskauer, geb. Katz, geboren.

Die Eheleute Katz wohnten laut Adressbuch von Oktober 1919 bis Oktober 1928 in der Blumenauer Straße 6., in Linden-Nord. Danach ab Oktober 1928 in dem Neubau Brünigstraße 24 a. (heute: Laportestraße 24 a. - besteht noch), in Linden-Süd. Am 3. Januar 1923 kam die gemeinsame Tochter Margot Katz (1923-?) in Hannover zur Welt.

Oskar Katz war Inhaber zweier Tabakwarenläden in Hannover-Linden. Ein Geschäft befand sich in der Blumenauer Straße 8., in Linden-Nord und das andere in der Falkenstraße 24., in Linden-Mitte.

Die Familie Katz war jüdischen Glaubens, Anlass genug, dass sie ab 1933 angefeindet wurde. Die Tochter Margot Katz emigrierte deshalb im Mai 1935 im Rahmen eines Kindertransports in die USA. Dort heiratete sie am 26. August 1942 John Shanton Gardner.

In der Nacht vom 9./10. November 1938 (Novemberpogrom) wurde Oskar Katz verhaftet, und bis zum 4. Dezember 1938 im Konzentrationslager (KZ) Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar in Thüringen inhaftiert. Nach seiner Entlassung sollte Oskar Katz Deutschland schnellstens verlassen. Sein Tabakwarengeschäft in der Falkenstraße 24. war bereits während seiner Inhaftierung zwangsarisiert worden. Die Eheleute Katz verkauften ihren Hausrat und ihre Möbel für nur 160,00 Reichsmark (RM) und zogen dann am 1. Februar 1939 von Hannover nach Hann. Münden um. Sie wohnten in einem Wohnhaus, dass sich noch im Besitz der Familie Proskauer-Katz befand. Oskar und Meta Katz verließen Hann. Münden am 13. April 1939 und reisten von Bremerhaven/Bremen aus am 18. April 1939 mit dem Passagierdampfschiff "Scharnhorst" nach Shanghai in China.

Meta Katz erkrankte so schwer, dass sie am 2. August 1947 in Shanghai starb. Danach konnte Oskar Katz zu seiner Tochter in die USA reisen und starb dort am 9. August 1962 in Wyoming/USA. Seine Tochter Margot Gardner, geb. Katz starb am 27. Mai 1999 in Casper, in Wyoming/USA.

Am 30. September 2016 wurden zum Gedenken an Oskar, Meta und Margot Katz in der Laportestraße 24 a. in Linden-Süd drei Stolpersteine gesetzt.

Für die jüdische Familie der Schwester von Oskar Katz sind am 12. Juni 2013 drei Stolpersteine in der Goethestraße 36., in der Calenberger-Neustadt verlegt worden: Erna Brodacz, geb. Katz (1895-?), Rachmil Emil Brodacz (1894-?) und der gemeinsame Sohn Hans-Joachim Brodacz (1921-?) wurden am 28. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben, ihr Schicksal ist unbekannt.

Stolpersteine für die Familie Sock.

Im Adressbuch von 1925 ist der jüdische Apotheker und Drogist Adolf Sock (1884-?) mit seiner Ehefrau Gertrud "Trude" Sock, geb. Wegner (1893-1942), in der Minister-Stüve-Straße 4. in Linden-Mitte vermerkt. Das Ehepaar zog Anfang Juli 1925 in das Haus. Die gleich ausssehenden Häuser (spiegelverkehrtes Abbild zum jeweiligen Nachbarhaus) in der Minister-Stüve-Straße 2. und 4. wurden im Oktober 1943 bei einem Luftangriff völlig zerstört. Heute stehen an gleicher Stelle zwei Nachkriegsbauten.

Adolf Sock wurde am 26. März 1884 in der Bergstadt Zerkow in der preußischen Provinz Posen (heute Żerków in Polen) geboren. Auch seine Ehefrau, geboren am 12. Dezember 1893, stammte ebenfalls aus Zerkow. Ihre beiden Kinder Marianne Sock (1921-1942), geboren am 23. Januar 1921 und Hans Sock (1925-1944?), geboren am 21. Juli 1925 kamen beide in Hannover zur Welt. Adolf Sock nahm von August 1914 bis 1919 als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und heiratete am 30. Dezember 1919 Gertrud Sock, die durch die Eheschließung vom evangelischen Glauben zum Judentum konvertierte.

Adolf Sock betrieb in Hannover zwei Apotheken:

Die "Drogerie Schwarzer Bär" von Adolf Sock befand sich in der Deisterstraße 8., in Linden-Mitte, im 1902 erbauten Jugendstilhaus, später in Schwarzer Bär 8. umbenannt. Im Oktober 1943 wurde das Gebäude bei einem Luftangriff durch alliierte Bomber völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut.

In der Steintorstraße 22. - Ecke Georgstraße in Hannover-Mitte (Steintor), betrieb Adolf Sock sein Hauptgeschäft als "Central-Drogenhandlung - Adolf Sock". Ab 1933 konzentrierte er sich dann auf das Geschäft in Steintorstraße und gab die Drogerie in Linden auf. Im Adressbuch von 1934 wird er aber noch als Besitzer der "Drogerie Schwarzer Bär" geführt. Mitte 1938 verhandelte Adolf Sock mit dem Apotheker Otto Marten wegen des Verkaufs der "Central-Drogenhandlung", da die Familie Sock auswandern wollte. Zu einem Verkauf kam es aber nicht.

Am Schwarzen Bären | 15.08.1931 (links die Drogerie Sock)

In der Nacht vom 9./10. November 1938 (Novemberpogrom) wurden die Schaufensterscheiben und die Inneneinrichtung der "Central-Drogenhandlung" zerstört, die Waren abtransportiert und bei der Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV) eingelagert. Adolf Sock wurde in sogenannte Schutzhaft genommen und in das hannoversche Polizeigefängnis eingeliefert. Danach wurde er in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar/Thüringen verschleppt. Nach seiner Entlassung musste Adolf Sock die Drogerie aufgeben. Anfang 1939 eröffnete der Apotheker Otto Marten in den Geschäftsräumen eine eigene Drogerie. 1941 wird als Besitzer der Drogerie (Steintor-Apotheke), Wilfried Menger vermerkt.

Im Dezember 1938 bemühte sich die Familie Sock um eine Auswanderung nach Uruguay in Südamerika. Jedoch bestanden die Behörden darauf, dass zunächst alle Geschäftsschulden begleichen werden müssen. Die Schulden waren als unmittelbare Folge der Plünderung und Zerstörung der Drogerie entstanden. Adolf Sock musste auch für die Sicherung und Reparatur des Geschäfts aufkommen; und er war seinen Lieferanten Geld für den Warenbestand schuldig, der ihm geraubt wurde und zur Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV) abtransportiert worden war. Um die Schulden zu tilgen und gleichzeitig die Auswanderung zu finanzieren, setzte er den Rückkaufwert seiner Lebensversicherung ein. Zusätzlich nahm seine Frau eine private Hypothek auf. Die Wohnung in der Minister-Stüve-Straße 4. wurde zum 1. März 1939 gekündigt. Die Genehmigung zur Auswanderung verzögerte sich allerdings und so musste man übergangsweise in die Königstraße 5. in Hannover-Mitte ziehen.

Die beiden Kinder zogen am 12. April 1939 nach Ahlem bei Hannover (bis 1974 selbständige Gemeinde), wahrscheinlich in die "Israelitische Gartenbauschule". In der Gartenbauschule hatte die 18-jährige Marianne Sock, bereits vor zwei Monaten als Haushaltungsschülerin eine Ausbildung begonnen. Der 14-jährige Hans Sock begann am 14. April 1939 als Gärtnereischüler mit seiner Ausbildung.

Im Mai 1939 konnte die Familie dann schließlich auswandern. Die beiden Geschwister zogen am 23. Mai 1939 nach Antwerpen in Belgien. Ihre Eltern folgten ihnen am 31. Mai 1939 mit dem Ziel Brüssel in Belgien.

Gertrud Sock und ihre beiden Kinder wurden am 25. August 1942, von Belgien aus in das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz-Birkenau im damals deutsch besetzten Polen abtransportiert. Gertrud Sock wurde dort am 14. September 1942 in den Gaskammern ermordet. Ihre Tochter Marianne Sock wurde eine Woche später, am 20. September 1942 auf dieselbe Weise umgebracht. Ihr Sohn Hans Sock starb wahrscheinlich 1944 ebenfalls in der Gaskammer.

 

Über den Vater Adolf Sock gibt es keine sicheren Angaben, ob er von Belgien aus direkt in das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz-Birkenau oder zunächst in das Konzentrationslager (KZ) Bergen-Belsen bei Celle in Niedersachsen deportiert wurde. Es ist auch nicht bekannt, wann und wo er starb. Es deutet aber alles darauf hin, dass auch der Apotheker und Drogist Adolf Sock in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Am 20. November 2015 wurden zum Gedenken an Adolf, Gertrud, Marianne und Hans Sock in der Minister-Stüve-Straße 4., in Linden-Mitte, vier Stolpersteine gesetzt. Die Initiative dazu kam vom Wirtschaftsforum des Vereins “Lebendiges Linden e.V.“

Ein Stolperstein für Elsa Cranz, geb. Boje (1917-1943).

Elsa Carnz, geb. Boje wurde im 8. Dezember 1917 in Linden geboren und war seit Mitte der 1930er-Jahre ein aktives Mitglied der "Zeugen Jehovas Religionsgemeinschaft" in Hannover.

Am 28. August 1935 heiratete sie Harry Cranz (1910-1941) und zog noch am selben Tag mit ihrem Mann in die Elisenstraße 25., in Linden-Nord um. Im Dezember 1935 wurde ihr Sohn Wilhelm Cranz (1935-?) geboren und im November 1938 kam ihr zweiter Sohn Reinhard Cranz (1938-?) in Hannover zur Welt.

Nachdem sich das Ehepaar im November 1939 scheiden ließ, zog Elsa Cranz zuerst in den Vinnhorster Weg 18. (Hannover-Stöcken) und im August 1940 in die Limmerstraße 50. (Linden-Nord) um. Im Gebäude befindet sich bis heute das 1908 gegründete Apollo-Filmtheater. Die beiden Kinder blieben beim Vater, der schon im März 1940 wieder heiratete. Harry Cranz wurde Soldat und fiel am 21. August 1941 im Krieg.

Am 5. Oktober 1942 wurde Elsa Cranz verhaftet und im selben Jahr vom Amtsgericht Hannover entmündigt. Am 14. November 1942 wurde sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück (KZ-Ravensbrück) im damaligen brandenburgischen Landkreis Templin - Uckermark gebracht. Elsa Cranz starb dort wenige Tage vor ihrem 26. Geburtstag, am 29. November 1943.

Am 18. September 2013 wurde zum Gedenken an Elsa Cranz in der Limmerstraße 50., in Linden-Nord ein Stolperstein gesetzt.

Ein Stolperstein für den Kaufmann Hermann Blumenthal (1866-1938).

Hermann Blumenthal, aus der Falkenstraße 1., in Linden-Mitte übernahm von August Blumenthal (die genauen familiären Beziehungen sind unbekannt) dessen "Baby-Spezialgeschäft" (gegr. 1893) in der Deisterstraße 9. Das Sortiment bestand aus Kinderbekleidung, Kinderwagen, Betten und Matratzen. Nach der Übernahme nannte er das Geschäft "Baby-Bazar Hannover".

Hermann Blumenthal wurde am 14. April 1866 in Mahlerten, im Kreis Gronau, heute Landkreis Hildesheim in Niedersachsen, geboren. Seine Eltern waren Louis Blumenthal und Mathilde Blumenthal, geb. Frank. Hermann Blumenthal zog 1898 in die damalige Stadt Linden und heiratete im Dezember desselben Jahres Ella Blumenthal (1870-1923), die ebenfalls eine geborene Blumenthal war. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Erna Blumenthal und Hedwig "Hedy" Blumenthal (1889-1982).

Von 1910 bis 1922 gab es eine "Baby-Basar-Filiale" gleichen namens im Engelbosteler Damm 21., in der Hannover-Nordstadt. In der Filiale arbeiteten hauptsächlich die Mutter Ella und ihre Tochter Erna. Hedwig war in der Deisterstraße mit ihrem Vater tätig. Nach dem Erna Blumenthal geheiratet hatte, zog sie 1920 mit ihrem Ehemann nach Frankfurt am Main/Hessen um. Am 15. Dezember 1923 verstarb Ella Blumenthal mit 53 Jahren. Hermann Blumenthals Schwiegersohn, Hans Neumann (1886-1967), Ehemann der Tochter Hedwig, wurde Teilhaber der Firma und wohnte nun auch in der Falkenstraße 1. Am 28. Oktober 1927 kam Ellen Neumann (1927-?), die Tochter von Hans und Hedwig "Hedy" Neumann in Hannover zur Welt.

In der Nacht vom 9./10. November 1938 (Novemberpogrom) wurden die Schaufensterscheiben und die Inneneinrichtung des "Baby-Bazar Hannover" zerstört. Der jüdische Inhaber musste für die Sicherung und Reparatur seines Geschäfts selbst aufkommen. Hermann Blumenthal und Hans Neumann wurden noch am selben Abend in sogenannte Schutzhaft genommen. Sein Schwiegersohn wurde nach kurzer Zeit wieder entlassen. Hermann Blumenthal wurde später in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald (Zugangsliste KZ-Buchenwald: 23619), auf dem Ettersberg bei Weimar in Thüringen deportiert und erst am 10. Dezember 1938 wieder entlassen. Kurz nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager starb Hermann Blumenthal im Krankenhaus in Hannover, vermutlich an den Folgen seiner Haft. Bestattet wurde Hermann Blumenthal auf dem jüdischen Friedhof An der Strangriede, in der Hannover-Nordstadt, auf dem auch seine Ehefrau Ella Blumenthal beerdigt wurde.

Hans und Hedwig Neumann verkauften danach das Geschäft. Käufer war der Kaufmann Rudolf Jacobs (?-1945), der das Geschäft unter dem Namen "Alles fürs Kind" weiterbetrieb. 1939 verließ die Familie Neumann Hannover-Linden und zog zunächst in die Goethestraße 15. (Hannover-Mitte) und drei Monate später in die Wissmannstraße 13. (Hannover-Südstadt).

Hans und Hedwig Neumann wanderten 1941 nach Buffalo in New York/USA aus. Dort haben sie sich in Hans und Heddy Newman umbenannt. Ihre Tochter folgte ihnen 1943 in die USA. Ellen Neumann, nach ihrer Heirat in den USA - Ellen Goldman, hatten sie vorher am 13. Juli 1939 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht.

Im Oktober 1943 wurde das Gebäude in der Deisterstraße 9.., bei einem Luftangriff völlig zerstört. Das Geschäft "Alles fürs Kind" von Rudolf Jacobs zog danach in die Deisterstraße 5. um.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemühte sich Hans Newman von den USA aus um eine Wiedergutmachung für die Eigentums- und Vermögensverluste seiner Familie. Unter anderem strengte er einen Prozess gegen die noch lebende Witwe Rudolf Jacobs (gefallen am 17. April 1945) an, weil er den "Baby-Bazar Hannover" damals unter Schätzwert an Rudolf Jacobs hatte verkaufen müssen. Der Rechtsstreit endete 1954 mit einem Vergleich vor dem Landgericht Hannover.

 

In dem Verfahren wurden mehrere Zeugen zum Zustand des Baby-Bazars vor und nach dem Novemberpogrom 1938 gehört, darunter die Witwe Gertrud Jacobs, die frühere Angestellte Irma Bock, die seit 1934 im Geschäft tätig gewesen war und anschließend auch für Rudolf Jacobs gearbeitet hatte, sowie Erna Daevessen geb. Blumenthal, die Schwester von Heddy (Hedwig) Newman. Der Gesundheitszustand von Hans Newman verschlechterte sich Zusehens, in ärztlichen Gutachten ging es auch um die Frage, ob und inwieweit die Krankheit auf die erlittene Verfolgung zurückzuführen und damit zu entschädigen sei. Der Rechtsstreit war noch nicht beendet, als er am 9. April 1967 nach schwerer Krankheit in den USA starb. Seine Witwe Heddy setzte das Verfahren fort. Sie erhielt eine Rente vom Land Niedersachsen, bis sie am 25. September 1982 starb.

Am 18. September 2013 wurde zum Gedenken an Hermann Blumenthal in der Falkenstraße 1., in Linden-Mitte ein Stolperstein gesetzt. Die Initiative dazu kam von Christa und Jürgen Wessel aus Hannover-Linden.

Stolpersteine für Marie Lenzberg (1886-1938) und Gertrud Lenzberg (1890-1938).

Schon vor 1897 bestand die "Daunendecken- und Steppdeckenfabrik der Gebrüder Lenzberg" in der Karlstraße 1. a. (heute ist die Straße nicht mehr vorhanden), hinter dem Hauptbahnhof (Hbf) in Hannover-Mitte. Der ursprünglich jüdische Fabrikant Hugo Lenzberg (1852-?) aus dem Weserbergland, in Niedersachsen, wohnte auch privat in der Karlstraße. Sein Bruder Paul Lenzberg (1854-?), er wohnte in Rinteln im Landkreis Schaumburg in Niedersachsen, war Teilhaber der Fabrik.

Laut Adressbuch von 1928/29 wohnte Hugo Lenzberg nun mit seiner Ehefrau Auguste Lenzberg (1863-?), seiner Tochter Marie Lenzberg (1886-1938), geboren in Rinteln und seiner zweiten Tochter Gertrud Lenzberg (1890-1938), sie ist in Hannover geboren, in der Königstraße 13., in Hannover-Mitte. Die "Daunendecken- und Steppdeckenfabrik Gebr. Lenzberg" war jetzt in der Fössestraße 79., in Linden-Mitte ansässig.

Im Adressbuch von 1934 ist nun auch Bruno v. d. Walde als Teilhaber der Fabrik in Linden aufgeführt. Man nannte sich jetzt "Daunendecken- und Steppdeckenfabrik Gebr. Lenzberg & v. d. Walde". Sein Vater, Bernhard v. d. Walde, betrieb schon vor 1928 eine eigene Daunendecken- und Steppdeckenfabrik in der Kollenrodtstraße 11 a., in der Hannover-List.

Die Schwestern Lenzberg waren später Teilhaberinnen der Firma "Gebr. Lenzberg & v. d. Walde", die Anteile haben sie vermutlich von ihrem Vater übernommen und auch gemeinschaftlich mit Bruno v. d. Walde die Firma geleitete.

Nach dem Tod des Vaters zogen die Schwestern 1935 in den ersten Stock der Beethovenstraße 10., in Linden-Mitte. Am 8. August 1938 haben sie sich dort, in ihrer Wohnung das Leben genommen. Ursprünglich war die Familie Lenzberg jüdischen Glaubens, doch man kovertierte zur evangelischen Kirche. Obwohl nur bei einer der beiden Schwestern (Gertrud) als Religionszugehörigkeit evangelisch eingetragen war, doch da Familieangehörige der Lenzbergs nicht auf dem jüdischen Friedhof begraben wurden, kann davon ausgegangen werden, dass auch die andere Schwester (Marie) konvertiert war.

Die Gründe für ihren Selbstmord sind unbekannt. Vielleicht wurde ihre Fabrik enteignet, sie wurden diskriminiert und ausgegrenzt. Oft haben Christen jüdischer Herkunft wenig Unterstützung in ihren Kirchengemeinden erfahren. Die Familie Lenzberg wurde auf dem Engesohder Friedhof in der Hannover-Südstadt beigesetzt. Die Grabstellen existieren heute leider nicht mehr. Laut Adressbuch von 1939 war nun Werner Tropizsch Inhaber einer Daunendeckenfabrik in der Fössestraße 79.

Am 12. Juni 2013 wurden zum Gedenken an Marie und Gertrud Lenzberg in der Beethovenstraße 10., in Linden-Mitte zwei Stolpersteine gesetzt. Die Patenschaft für die Stolpersteine haben die Schüler der Integrierten Gesamtschule Hannover-Linden (IGS Linden) übernommen.

Stolpersteine für Amalie Meyer, geb. Nussbaum (1880-1941) und Norbert Kronenberg (1908-1941).

Amalie Meyer, geb. Nussbaum wurde am 13. Dezember 1880 in Hannover geboren und in erster Ehe mit dem Kaufmann Max Kronenberg (1868-1922) verheiratet. Das Ehepaar war jüdischen Glaubens. Ihr Sohn Norbert Kronenberg kam am 4. August 1908 zur Welt. Max Kronenberg zog 1897 nach Hannover und arbeitete fast 25 Jahre für die Rohprodukten-Großhandlung Katzenstein & Blank in der Georgstraße 20., in Hannover-Mitte. Die Ehe mit Max Kronenberg hielt nicht und wurde geschieden. Sohn Norbert wuchs bei seiner Mutter in der Asternstraße 10., in der Hannover-Nordstadt auf. Sein Vater Max Kronenberg starb 1922 in Bünde, in Nordrhein-Westfalen.

Am 22. Dezember 1927 heiratete Amalie Meyer in Hannover in zweiter Ehe den in Rotenburg (Wümme) geborenen Kaufmann und Buchhalter Louis Meyer (1876-1942) Auch Louis Meyer war Jude. Das Ehepaar wohnte nun in der Wohnung von Louis Meyer in der Deisterstraße 23., in Linden-Süd. Auch der 19-jährige Norbert Kronenberg zog aus der Asternstraße 10. mit zu seinem Stiefvater Louis Meyer. Da sich Norbert Kronenberg für Technik interessierte, bemühte er sich um einen Arbeitsplatz als Radiotechniker bei der Firma Radio-Menzel. Er hatte Erfolg und wurde von Radio-Menzel eingestellt und arbeitete nun im Geschäft an der Limmerstraße 3. in Linden-Nord. Schon in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Judenverfolgung, überlegte Norbert Kronenberg seine Heimat Deutschland zu verlassen.

Am 3. Mai 1939 zog Elsa Rosenbaum (1914-?) - auch sie war Jüdin - bei Familie Meyer ein. Vorher war sie bis Oktober 1938 als Hausangestellte in Bleicherode, Nordhausen/Thüringen, beschäftigt. In Hannover wohnte Elsa Rosenbaum zunächst in der Röntgenstraße 4., Hannover-List, bevor sie dann in die Wohnung der Familie Meyer umzog. Sie meldete sich schon am 1. Juni 1939 aus der Deisterstraße wieder ab und wanderte nach Melbourne, St. Klida in Australien aus. Ob zwischen Norbert Kronenberg und Elsa Rosenbaum eine Liebesbeziehung bestand, ist unklar.

Am 1. Mai 1940 zogen die Eheleute Meyer mit ihrem Sohn aus der Deisterstraße in die Lützowstraße 3., in Hannover-Mitte um. Das Haus wurde ab Mai 1935 als jüdische Volksschule genutzt. Ab September 1941 wurde das Gebäude zu einem sogenannten "Judenhaus". Die jüdischen Bewohner der Lützowstraße 3., darunter auch das Ehepaar Meyer und ihr Sohn Norbert Kronenberg, waren von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) zur Deportation in das Ghetto Riga in Lettland, vorgesehen.

Heinrich Menzel (1903-?), Inhaber von Radio-Menzel wurde 1939 als Soldat eingezogen und versuchte Norbert Kronenberg von der Liste der Riga-Deportierten streichen zu lassen. Er sollte während seiner Abwesenheit die Geschäftsführung der Firma übernehmen. Die Gestapo lehnte dies jedoch strikt ab.

Louise Meyer wurde wegen einer schweren Erkrankung von der Gestapo vom Rigatransport zurückgestellt und ins Israelitische Krankenhaus, in die Ellernstraße 16., im Hannover-Zooviertel verbracht. Dort starb Louis Meyer am 25. Februar 1942.

Am 15. Dezember 1941 wurde Amalie Meyer mit nur 61 Jahren und Norbert Kronenberg mit nur 33 Jahren in das Ghetto Riga deportiert. Wann Mutter und Sohn genau starben ist unbekannt. 1954 wurden beide vom Amtsgericht Hannover für tot erklärt.

Am 7. Oktober 2011 wurden zum Gedenken an Amalie Meyer und ihren Sohn Norbert Kronenberg an der Deisterstraße 23., in Linden-Mitte zwei Stolpersteine gesetzt. Die Initiative dazu kam von Frau Gabriele Schlüter aus Hannover. Sie kannte Norbert Kronenberg aus den Erzählungen ihrer Eltern, den Inhabern der Firma Radio-Menzel.

Ein Stolperstein für den Widerstandskämpfer Franz Nause (1903-1943).

Der Metallarbeiter Franz Nause wurde am 15. Februar 1903 in Achtum bei Hildesheim in Niedersachsen geboren und kam in frühen Jahren nach Hannover-Limmer. Er war der engste Mitarbeiter und Vertraute von Werner Blumenberg (1900-1965), Werner Blumberg war der Gründer und Koordinator, der Sozialistischen Front (SF). Noch während seiner Schlosserlehre 1919 trat Franz Nause in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) und 1921 in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein. Dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einer Schutzorganisation der Weimarer Republik gegen die Nationalsozialisten trat er 1931 bei. Von 1921 bis 1932 war Franz Nause als Arbeiter bei der Excelsior-Pneumatic AG, später: Continental Gummi-Werke AG Hannover-Linden in Limmer beschäftigt, und wurde dann im Sommer 1932 arbeitslos.

Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 durch die Nationalsozialisten wurde Franz Nause vier Tage inhaftiert. Danach baute er als technischer Leiter die Organisation der Sozialistischen Front (SF) auf. Unter seiner Regie erfolgte von April 1933 bis 1936 die illegale Herstellung und Verteilung der vierwöchentlich erscheinenden "Sozialistischen Blätter".

Die "Sozialistischen Blätter" erreichten eine Auflagenhöhe von 500 bis 1000 Exemplaren, die in der Region Hannover und auch im Ausland verteilt wurden.

Am 30. Juni 1936 verhaftete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) Franz Nause erneut und er wird vermutlich bis zum 3. August 1937 im Gerichtsgefängnis Hannover, hinter dem Hauptbahnhof am Raschplatz in Hannover-Mitte, inhaftiert. Danach kommt er nochmals in Untersuchungshaft, in das Gerichtsgefängnis Hildesheim (Hermann-Göring-Haus), in Niedersachsen.

Am 23. September 1937 wurde Franz Nause als Rädelsführer wegen Vorbereitung zum Hochverrat vom Volksgerichtshof in Berlin zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Fast drei Jahre verbrachte er im Zuchthaus Hameln/Niedersachsen, dann starb er am Samstag, den 20. März 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Göhrden an den Folgen von Folterungen und Unterernährung.

Franz Nauses Urne wurde im April 1943 auf dem Stadtfriedhof Ricklingen in der Abteilung U 43, Nr. 29. beigesetzt. Heute ist sein Grab, ein Ehrengrab der Landeshauptstadt Hannover (LHH). 1950 wurde in Hannover-Limmer der ehemalige Gartenweg (wurde um 1900 angelegt) in Franz-Nause-Straße umbenannt.

Am 22. März 2010 wurde an der Kesselstraße 19. in Hannover-Limmer, dem letzten Wohnort Franz Nauses vor seiner Verhaftung, ein Stolperstein gesetzt. Die Initiative dazu kam von der Otto-Brenner-Akademie - Treffpunkt der Generationen Hannover e.V. und der Lindener Geschichtswerkstatt.

Ein Stolperstein für den Drogisten Herbert August Erhardt (1901-1942) von Rainer Hoffschildt.

Herbert August Ehrhardt wurde am 27. Januar 1901 in Gehrden bei Hannover geboren. In den 1930er-Jahren wohnte er in der Deisterstraße 16. in Hannover-Linden und betrieb eine gut gehende Drogerie. Eine Zeitzeugin, die Anfang der 1950er-Jahre die Drogerie übernahm, beschrieb sein Äußeres: Er erschien ihr groß, etwas stämmig und beleibt. Sein Haar war schon grau. Sie hielt ihn für hilfreich. Ein anderer Zeitzeuge, ein Geschäftsnachbar, beschrieb ihn als gutmütigen Typ und wusste auch von seiner Homosexualität, die er wohl auch kaum verbarg. Wegen seiner Homosexualität wurde er noch vor dem Zweiten Weltkrieg verhaftet und verurteilt. Seine Schwester, die die Drogerie weiterführte, besuchte ihn im Gerichtsgefängnis.

Im Mai 1941 kam Herbert August Ehrhardt in das KZ-Natzweiler und erhielt die Nummer 170. Vorher muss er noch in einem weiteren KZ gewesen sein, denn es wird die weitere Häftlingsnummer 35.845 angegeben. 1942 traf ihn ein Bekannter aus Hannover im KZ-Natzweiler, in Frankreich wieder. Beide waren wegen ihrer Homosexualität hierher gekommen. Er beschrieb ihn als einen fürsorglichen, femininen Typ betulicher Art, der andere gerne verwöhnt. Durch diesen Zeitzeugen, der mehrere Konzentrationslager überlebte, ergaben sich erste Hinweise auf Ehrhardt. Er berichtete über die furchtbaren Verhältnisse im KZ und dass täglich mehrere Häftlinge an den Haftbedingungen starben; er wusste auch, dass Herbert August Ehrhardt dort starb.

Neben den Eintragungen im Adressbuch Hannovers fand sich eine Notkarte des Meldeamtes im Stadtarchiv. Auf ihr war die Meldung des Sonderstandesamtes in Arolsen verzeichnet, wonach Herbert August Ehrhardt am 15. November 1942 in Natzweiler verstorben war. Er wurde nur 41 Jahre alt, die Sterbeurkunde nennt als angebliche Todesursache „Uraemie“, also Harnstoffvergiftung.

Am 3. März 2009 wurde zum Gedenken an den Drogisten Herbert August Ehrhardt in der Deisterstraße 16. in Linden-Mitte ein Stolperstein gesetzt. Die Patenschaft für den Stein hat Christian Mahnke aus Hannover übernommen.

Stolpersteine für die Familie Speier-Goldschmidt und Wilhelm Bluhm

Es wurden am 3. März 2009 noch weitere sieben Stolpersteine in Hannover-Linden verlegt. In der Blumenauer Straße 18. in Linden-Mitte wurden sechs Steine für die jüdische Familie Speier-Goldschmidt gesetzt.

Johanna Goldschmidt (1878-1939) und die Eheleute Hella (1913-1945) und Hans Goldschmidt (1902-?).

Johanna Goldschmidt, geb. Neuberg wurde 1878 geboren. Um ihrer bevorstehenden Verhaftung zuentgehen, beginn sie am 25. August 1939 Selbstmord. Hella Goldschmidt, geb. Wolffs wurde am 6. Juni 1913 in Aurich, Ostfriesland/Niedersachsen geboren, ihr Ehemann, der Pferdehändler Hans Goldschmidt wurde am 20. Januar 1902 in Hannover geboren. Hans Goldschmidt war auch Eigentümer des Grundstücks und des Wohn- und Geschäftshauses in der Blumenauer Straße 18. Das Ehepaar wohnte in der I. Etg. und wurde am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert. Hella Goldschmidt starb am 29. März 1945 in Schlewe/Pommern. Wann Hans Goldschmidt starb, ist nicht bekannt.

Else (1898-?) und Ludwig Speier (1887-?) sowie deren Tochter Lore Speier (1923-?).

Else Speier, geb. Goldschmidt wurde am 24. April 1898 in Hannover geboren. Ludwig Speier wurde am 11. Juni 1887 in Heidenbergen geboren und 1938, in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar in Thüringen verschleppt. Wieder zurück in Hannover wurde er, seine Ehefrau und seine Tochter Lore Speier, sie wurde am 24. Mai 1923 in Hannover geboren, im September 1941 dem sogenannten "Judenhaus" Lützowstraße 3., in Hannover-Mitte zugewiesen. Das Haus wurde ab Mai 1935 als jüdische Volksschule genutzt und ab September 1941 zu einem sogenannten "Judenhaus".

Die Familie wurde am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert, ihr Todeszeitpunkt ist unbekannt.

Die Verlegung der Stolpersteine wünschte sich Tamar Feuchtwanger aus Jerusalem in Israel für ihre Familienangehörigen. Frau Feuchtwanger ist 1916 in der Eichstraße 1., in der Hannover-List geboren.

    

Stolpersteine für die Familie Speier-Goldschmidt und Wilhelm Bluhm.

Wilhelm Bluhm (1898-1942)

In der Nedderfeldtstraße 8., in Linden-Nord wurde ein Stolperstein für den Widerstandskämpfer Wilhelm Bluhm gesetzt. Seit 1934 war Wilhelm Bluhm Mitglied der Sozialistischen Front (SF), die sich zu einer der größten Widerstandsorganisationen im Dritten Reich, entwickelte und verteilte die von den Nationalsozialisten verbotene Zeitung "Sozialistische Blätter". Nach der ersten großen Verhaftungswelle gegen Mitglieder der Organisation übernahm er im Frühjahr 1935 die Leitung der vierten Abteilung Linden-Nord. Die Sozialistische Front wurde 1936 zerschlagen, nachdem es der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen. Wilhelm Bluhm wurde am 15. September 1936 in seiner Wohnung in der Nedderfeldstraße 8. festgenommen und zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Hameln/Niedersachsen absaß. Nach Ende der Strafe nahmen ihn die Nationalsozialisten erneut in Schutzhaft und transportierten ihn, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Sozialistischen Front, in das KZ-Sachsenhausen bei Berlin. Wilhelm Bluhm starb dort am 25. Juli 1942 mit nur 44 Jahren.

Folgende jüdische Mitbürger wohnten auch in der Blumenauer Straße 18.:

Gustav Loeb (1882-?), Helene Loeb (1889-?) und Melitta Loeb (1882-?).

Gustav Loeb wurde am 29. Mai 1882 in Netze/Reihland-Pfalz geboren. Helene (Lenchen) Loeb, geb. Nussbaum wurde am 30. Oktober 1889 in Dermbach/Thüringen geboren. Auch Melitta (Marianne) Loeb, geb. Nussbaum wurde am 2. Oktober 1882 in Dermbach geboren. Alle drei Familienmitglieder wurden am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert. Wann sie starben, ist nicht bekannt.

Gisela Weinberg (1925-1945) und Selma Weinbeg (1893-?).

Auch Gisela Weinberg, geboren am 25. Juni 1925 in Borgholzhausen/Nordrhein-Westfalen und Selma Weinberg, geb. Horowitz, geboren am 29. Juli 1893 in Winsen/Luhe in Niedersachsen, wohnten in der Blumenauer Straße 18. Beide Frauen wurden am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert, Selma Weinberg verstarb dort. Gisela Weinberg war seit Oktober 1944 im Konzentrationslager (KZ) Stutthof bei Danzig in Polen, wo sie am 24. März 1945 umgekommen ist.

Bis heute sind noch keine Stolpersteine für diese Bewohner gesetzt worden.

Stolpersteine für Max Rüdenberg (1863-1942) und Margarethe Helene Rüdenberg (1879-1943).

Max Rüdenberg wurde am 9. April 1863 in Bad Oeynhausen bei Minden, in Nordrhein-Westfalen geboren und erwarb 1896/97 die Grundstücke der Wunstorfer Straße 16-18. in Limmer. Er kaufte die Gebäude der umgezogenen "Maschinenfabrik Jühnke & Lapp" sowie das Grundstück der alten "Gaststätte Schwanenburg" und errichtete noch im selben Jahr die "Bettfedernfabrik Max Rüdenberg GmbH - Import und Reinigung chinesischer Bettfedern und Daunen", mit Niederlassungen in China. Max Rüdenberg lässt neben der Bettfedernfabrik ein Wohnhaus für sich und seine zukünftige Familie errichten. Auf einem Teil des Grundstücks lässt er 1898 das Konzertgebäude der neuen Schwanenburg mit Tanzsälen, auf dessen Dachfirst Schwanenfiguren zu sehen waren errichten, und eine Parkanlage anlegen. Die Schwanenburg wurde danach durch den Unternehmer verpachtet.

Max Rüdenberg heiratete 1899, die am 17. Juli 1879 in Arnsberg, in Westfalen (heute Nordrhein-Westfalen) geborene Margarethe Helene Rüdenberg, geb. Grünberg. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Ihr Sohn Ernst Rüdenberg (1903-1980) wurde am 28. März 1903 und ihre Tochter Eva Rüdenberg (1900-1978) am 6. November 1900 in Hannover geboren.

Max Rüdenberg war Gründungsmitglied des Warteschulvereins-Limmer und als Schatzmeister von Juni 1904 bis Mai 1929 Mitglied des Vorstandes. Der Warteschulverein errichtete in den Jahren von 1904 bis 1906 das heutige Kinderheim Limmer. Dort wurden damals die Kinder der Arbeiter und Binnenschiffer, während ihre Eltern in den Fabriken, in Linden und Limmer arbeiteten, umsorgt. Seit 1909 war er nach der Eingemeindung des Dorfes Limmer in die Stadt Linden, bis Ende 1919 Bürgervorsteher der Stadt Linden für Limmer und von 1920 bis 1925 Mitglied des Rates der Stadt Hannover. Er war auch Gesellschafter und Geschäftsführer der 1910 von Lindener Unternehmern gegründeten Ladestelle Küchengarten GmbH.

Während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) wurden ab 1915 die Konzertsäle der "Gaststätte Schwanenburg" als Schullazarett (Reserve-Lazarett II.) genutzt. Betrieben wurde das Schullazarett durch Diakonissen des Henriettenstiftes in Hannover. Max Rüdenberg hatte die "Gaststätte Schwanenburg" und Teile seiner Bettfedernfabrik auf eigene Kosten umbauen lassen und zur Verfügung gestellt. Er stelle sich auch als kaufmännischer Berater für das Schullazarett kostenlos zur Verfügung.

Im Schullazarett gab es 15 Werkstätten, die Metallberufe, Schneider, Tischler, Maler, Fotografen und Buchdrucker ausbildeten. Auch eine orthopädische Werkstatt gehörte zur Einrichtung. Es waren 50 bis 60 Kriegsinvalide auf dem Gelände, im Gebäude mit Schlaf- und Sanitärräumen untergebracht. Im März 1917 besuchten die Ehefrau Gertrud Wilhelmine von Hindenburg, geb. von Sperling (1860-1921) und die Tochter des Generalfeldmarschalls und späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847-1934) die Einrichtung. Für sein Engagement wurde Max Rüdenberg mit dem Eisernen Kreuz (EK) ausgezeichnet. Ende Mai 1918 wurde auch ein Kriegsgefangener beschäftigt. Erst im Mai 1920 wurde das Schullazarett (Reserve-Lazarett II.) geschlossen.

Max Rüdenberg besaß eine wertvolle Sammlung "ostasiatischer Kunstgegenstände" und eine entsprechende Fachbibliothek. Mit anderen Kunstliebhabern gründete er 1916 die Kestner-Gesellschaft. In seiner Fabrik wurden 1916 - 60 Arbeiter beschäftigt.

Die Rüdenbergs waren Juden, Anlass genug, dass sie ab 1933 angefeindet wurden. Deshalb emigrierte Ernst Rüdenberg 1936 mit seiner Ehefrau nach Kapstadt in Südafrika. Eva Rüdenberg hatte den Kaufmann Heinz Reinhold (1894-1942) geheiratet und hieß nun Eva Reinhold. Das Paar hatte drei Kinder, Peter Reinhold (1924-?), Marianne Reinhold (1926-?) und Werner Reinhold (1935-?), er wurde am 14. Dezember 1935 in Berlin geboren und änderte seinen Namen später in Vernon Reynolds um. Peter Reinhold emigrierte am 28. Dezember 1938 und Marianne Reinhold am 18. Februar 1939 mit einem Kindertransport nach England. Werner Reinhold emigrierte im März 1939 mit seiner Mutter Eva Reinhold, geb. Rüdenberg ebenfalls nach England. Das Ehepaar Rüdenberg blieb jedoch in Hannover-Limmer und wurde später zum Verkauf ihres gesamten Vermögens genötigt.

Laut Adressbuch von 1934 hatte die Max Rüdenberg GmbH noch einen zweiten Geschäftsführer namens Walter Wiese (?-1950). Im Adressbuch von 1939 bis 1942 wird unter der Anschrift Wunstorfer Straße 16 ein Rüstungsbetrieb, die Firma H. (Heinrich) Sukohl & Co. Flugzeugteile aufgeführt. Ab April 1942 ist die Firma in Berlin-Schöneberg und Luckenwalde registriert. Von 1942 bis 1953 war in der Wunstorfer Straße 16 a. das Ladengeschäft der Firma F. Ehnert - Papierwaren und Bürobedarf ansässig.

Um trotzdem auf dem verbleibenden Restgrundstück wohnen bleiben zu können, baute Max Rüdenberg das Obergeschoss eines alten Sortier- und Lagerhauses zu einer 2-Zimmer-Wohnung mit Balkon in der Wunstorfer Straße 16 a. aus. Dieses Haus wurde im September 1941 zu einem der 16 sogenannten "Judenhäuser" in Hannover deklariert. Im Dezember 1941 wurden 41 Bewohner des Hauses in das Getto Riga in Lettland deportiert. Die Stadt Hannover kaufte dem Ehepaar am 21. Februar 1942, unter Wert die Grundstücke der Schwanenburg in der Wunstorfer Straße 18. und das Grundstück 16 a. ab. Mit Verfügung vom 1. Juli 1942 ging das gesamte Vermögen der Familie Rüdenberg in den Besitz des Deutschen Reiches über. Am 23./24. Juli 1942 wurden die Eheleute Rüdenberg und weitere 22 Bewohner des Hauses ins Ghetto Theresienstadt/Tschechien deportiert.

Max Rüdenberg stirbt am 26. September 1942 im Alter von 79 Jahren, Margarethe Helene Rüdenberg stirbt am 29. November 1943 im Alter von 64 Jahren, im Ghetto Theresienstadt.

Der Grundbesitz, der Rüdenbergs überstand den Zweiten Weltkrieg fast ohne größere Zerstörungen. Nur das Gebäude der Wunstorfer Straße 16 a. wurde im November 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Die Gastwirtschaftsgebäude der Schwanenburg wurden 1960/61 für den Bau des Westschnellweges abgerissen. Auf dem heutigen Gelände der ehemaligen Schwanenburg stehen Gebäude der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, die inzwischen nicht mehr genutzt werden. Vom Fabrikgelände der ehemaligen Bettfedernfabrik Rüdenberg steht noch ein Gebäude. Dieses wird seit Herbst 2012 als neue Schwanenburg (Restaurant Schwanenburg mit dem Rüdenbergsaal) für Gastronomie und Veranstaltungen genutzt.

Anstelle eines Grabsteines setzten die Kinder des Ehepaars Rüdenberg einen Gedenkstein an der Kapelle auf dem Jüdischen Friedhof an der Strangriede in der Hannover-Nordstadt. Seit 1994 sind die Namen des Ehepaars Rüdenberg auf dem hannoverschen Mahnmal am Opernplatz verzeichnet. Das Mahnmal trägt die in Stein eingravierten Namen von rund 2000 deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürgern. Am 13. November 2008 wurden zum Gedenken an die Eheleute Max und Margarethe Helene Rüdenberg an der Wunstorfer Straße 16 a., in Hannover-Limmer zwei Stolpersteine gesetzt. Und am 29. September 2011 wurde der "Heinrich-Kollmann-Weg" am ehemaligen Gelände der Schwanenburg, in "Zur Schwanenburg" umbenannt.

Am 10. Mai 2017 beschloss der Bezirksrat Linden-Limmer den Platz zwischen der Brunnenstraße und der Tegtmeyerstraße in Hannover-Limmer in "Margarethe-und-Max-Rüdenberg-Platz" um zunennen. Am 22. September 2017 wurde dann durch den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover (LHH) der "Margarethe-und-Max-Rüdenberg-Platz" eingeweiht.

Gustav Rüdenberg jun. (1868-1941/42) und Elsbeth Rüdenberg, geb. Salmony (1886-?)

Max Rüdenbergs Cousin, der Kaufmann und Optiker Gustav Rüdenberg jun., kam 1895 aus Brandenburg nach Hannover. Er wurde am 15. Februar 1868 in Vlotho bei Herford in Nordrhein-Westfalen als Sohn des jüdischen Kaufmanns Marcus Rüdenberg geboren und betrieb seit 1895 in der Odeonstraße 7. in Hannover-Mitte eine Buchhandlung und einen Versandhandel für Fotoapparate und Optischegeräte. Seine Firma hieß: "G. Rüdenberg jun., Versandhaus für Photographie und Optik, Hannover und Wien". Auch in Wien/Österreich betrieb er eine Filiale.

Gustav Rüdenberg jun. heiratete 1906 die wie er, aus einer jüdischen Familie stammende Elsbeth Rüdenberg, geb. Salmony. Sie wurde am 27. Mai 1886 in Köln/Nordrhein-Westfalen geboren. Die Rüdenbergs wohnten seit 1906 in der Podbielskistraße 16., II. Etg. (heute Nummer 36.) in der Hannover-List. Gustav Rüdenberg war zuerst Besitzer des Wohn- und Geschäftshauses Odeonstraße 7. und nach dem Ersten Weltkrieg dann auch Besitzer des Wohnhauses in der Podbielskistraße 16. Er gehörte wie sein Cousin Max Rüdenberg ab 1916 zu den Gründungsstiftern der Kestner-Gesellschaft und war auch Kunstsammler. Vor allem Werke des deutschen Spätimpressionismus, Grafiken und Kunstbücher kennzeichneten seine umfangreiche Sammlung.

Ab 1933 wurde das Ehepaar durch Verfolgungsmaßnahmen wirtschaftlich ruiniert. Von ihrem Eigentum und den Kunstschätzen mussten sie sich trennen. Ein Sachverständiger übernahm ihre wertvollen Bilder in städtischen Besitz. Die Kunstwerke gingen an das damalige Kestner-Museum und an die Stadtbibliothek Hannover. Im April 1940 müssen sie in eine kleinere Wohnung, in ihrem Haus, in der Odeonstraße 7. ziehen und am 4. September 1941 in ein sogenanntes "Judenhaus", umfunktioniertes Gebäude auf dem Jüdischen Friedhof An der Strangriede in der Hannover-Nordstadt. Am 15. Dezember 1941 wurden die Eheleute Rüdenberg über den Bahnhof Fischerhof (Hannover-Linden) in das Getto Riga in Lettland deportiert. Der Zeitpunkt ihres Todes bleibt unbekannt, durch Beschluss des Landgerichts Hannover wurde der Sterbetag für Gustav Rüdenberg jun. auf den 31. März 1942 und für Elsbeth Rüdenberg der 8. Mai 1945 festgesetzt.

Seit 1994 sind die Namen des Ehepaars Rüdenberg auf dem hannoverschen Mahnmal am Opernplatz verzeichnet. Das Mahnmal trägt die in Stein eingravierten Namen von rund 2000 deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürgern. Am 22. März 2010 wurden zum Gedenken an die Eheleute Gustav und Elsbeth Rüdenberg, an der Podbielskistraße 36. in der Hannover-List, zwei Stolpersteine verlegt.

Ein Stolperstein für den Zauberkünstler Ernst Schünemann (1897-1941) von Rainer Hoffschildt.

Der Zauberkünstler Ernst Schünemann wurde am 11. Februar 1897 in Hannover geboren. [1] Seit seiner Geburt war er mit einigen Unterbrechungen in der Limmerstraße 71 angemeldet. Nach der Schule lernte er Koch. Als Freiwilliger zog er in den Ersten Weltkrieg, kam in Kriegsgefangenschaft und wahrscheinlich erst ab 1920 wieder frei. Zunächst arbeitete er wieder in seinem erlernten Beruf, trat dann aber ab 1924 als Artist und Zauberkünstler auf.

Verhaftung 1939 - Verurteilung - Zuchthaus in Hameln

Anfang 1939 wurde Ernst Schünemann verhaftet und am 7. Februar 1939 im Gerichtsgefängnis Hannover inhaftiert. Er wurde im März 1939 vom Luftwaffengericht Berlin mit drei weiteren Zeugen aus Hannover nach Magdeburg angefordert. Einer von ihnen war der am 7. Mai 1903 in Hannover geborene Richard Lange, der noch 1939 in Hannover verurteilt wurde, und 1941 in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen wurde und 1942 als §-175-Häftling im KZ-Mauthausen II in Österreich starb. Zu dieser Gruppe gehörte u. a. auch dessen langjähriger Freund. Einer der Beteiligten hat bei der Luftwaffe gedient. Es handelte sich offensichtlich um einen schwulen Freundeskreis in Hannover. Noch im selben Monat kamen sie nach Hannover zurück. Am 3. Oktober 1939 stand Ernst Schünemann dann selbst vor Gericht.

Das Landgericht Hannover verurteilte ihn aufgrund der Paragraphen 175 und 175a Strafgesetzbuch wegen „widernatürlicher Unzucht“ zu drei Jahren Zuchthaus. Zur Last gelegt wurden ihm 13 Fälle homosexueller Handlungen, darunter auch zwei „Versuche“, die ebenfalls strafbar waren. Weil er anscheinend ein „gewöhnlicher“ Schwuler war, merkte das Gericht die selten geäußerte Meinung an: „Der Angeklagte ist auf dem Gebiet der Unzuchtshandlungen mit Männern ein Gewohnheitsverbrecher, aber kein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher ...“ Er war nicht vorbestraft. Noch im selben Monat transportierte man Ernst Schünemann in das Zuchthaus Hameln. Dort wurde er im Februar 1941 mit einer Lungenentzündung in das Anstaltslazarett eingeliefert. Seine Krankheit verschlimmerte sich. Am 14. Februar 1941 teilte die Anstalt seiner Mutter in Hannover mit, dass ihr Sohn in das Stadtkrankenhaus Hameln verlegt worden sei. Am selben Tag verstarb er im Alter von nur 44 Jahren. Sein Tod dürfte auch durch die schrecklichen Haftbedingungen im Zuchthaus Hameln verursacht worden sein.

Am 13. November 2008 wurde durch den Kölner Künstler Gunter Demnig in der Limmerstraße 71 der Stolperstein gesetzt. Die Patenschaft für seinen Stolperstein hat Detlef Simon, der Zauberkünstler und Entertainer Desimo, übernommen.

                

Die zeitgemäße Postkarte zeigt das Haus, in dem der Artist und Zauberkünstler Ernst Schünemann wohnte. Es ist das zweite Haus nach dem Eckhaus auf der linken Seite der Limmerstraße in Hannover-Linden.

Tod im Zuchthaus - Ein „Stolperstein“ für den Zauberkünstler Ernst Schünemann

halloSonntag vom 9. November 2008

LINDEN-NORD. Gunter Demnig, seit geraumer Zeit bundesweit in Sachen seines Kunstprojektes „Stolpersteine“ unterwegs, wird am Donnerstag, 13. November, um 15.30 Uhr an der Limmerstraße 71 einen „Stolperstein“ für den im Februar 1941 verstorbenen homosexuellen Zauberkünstler und Artisten Ernst Schünemann verlegen.

Ernst Schünemann, der bis zu seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten Anfang 1939 im Haus Limmerstraße 71 gemeldet war, wurde am 3. Oktober 1939 vom Landgericht Hannover auf Grundlage der Paragraphen 175 und 175a des Strafgesetz- buches wegen „widernatürlicher Unzucht“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Noch im selben Monat transportierte man ihn in das Zuchthaus Hameln. Zwei Jahre später, am 14. Februar 1941, wurde Ernst Schünemann mit einer schweren Lungen- entzündung vom Anstaltslazaret in das Stadtkrankenhaus Hameln verlegt. Er verstarb am selben Tag im Alter von 44 Jahren. Die Patenschaft für den „Stolperstein“ Ernst Schünemanns wird der Zauberkünstler und Entertainer Detlef Simon („Desimo“) übernehmen.

Eine zeitgenössische Postkarte aus dem Archiv von Andreas-Andrew Bornemann zeigt das Gebäude, in dem der Zauberkünstler Ernst Schünemann bis zu seiner Verhaftung wohnte. Es ist das zweite Haus nach dem Eckhaus auf der linken Seite der Limmerstraße.

Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit seinem Kunstprojekt „Stolpersteine“ an Menschen, die zu Opfern des NS-Regimes wurden. Die „Stolpersteine“ werden von Demnig dort ins Trottoir gesetzt, wo diese Menschen ihren letzten selbstgewählten Wohnort hatten. Für weitere „Stolpersteine“ in Limmer und Linden setzt sich aktuell die Geschichtswerkstatt der Otto-Brenner-Akademie ein. Sie sollen an die während der NS-Zeit ermordeten Antifaschisten und Widerstandskämpfer Franz Nause (Limmer) und Wilhelm Bluhm (Linden) erinnern.

 

Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung
von © halloSonntag

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Fotos / Postkarte / Texte
Rainer Hoffschildt / Foto / Text - Ein Stolperstein für Herbert August Erhardt und Ernst Schünemann

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Adress- und Fernsprechbücher der Stadt Hannover
Akte: Hann. 122a Hannover Nr. 7013 / Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover:
Industrielle Kriegsgefangenen-Arbeitskomandos zur Meldung an die Alliierten 1919
Ausstellungskatalog: Abgeschoben in den Tod | Die Deportation von 1001 jüdischen HannoveranernInnen am 15. Dezember 1941 nach Riga | Julia Berlit-Jackstein, Dr. Karljosef Kreter | Hahnsche Buchhandlung Hannover | 2011
Ausstellungskatalog: Der Novemberpogrom 1938 in Hannover | Dr. Wolf Dieter Mechler, Carl Philipp Nies MA. | Historisches Museum Hannover (HMH) | 2008
Ausstellungskatalog: Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39 | Julia Berlit-Jackstein, Florian Grumblies, Dr. Karljosef Kreter, Edel Sheridan-Quantz | Hahnsche Buchhandlung Hannover | 2015
Geschichte der Stadt Hannover I/II | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche Verlag | 1994
Heimatfront Hannover - Kriegsalltag 1914-1918 | Schriften des Historischen Museums Hannover (HMH) | 2014
Namen und Schicksale der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Hannover | Peter Schulze | Verein zur Förderung des Wissens über jüdische Geschichte und Kultur e.V. Hannover | 1995
Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover - www.erinnernundzukunft.de
Projekt - www.lebensraum-linden.de
Stadtarchiv Hannover
Städtische Erinnerungskultur - www.erinnerungskultur-hannover.de

Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart
| Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein |
Schlütersche GmbH & Co. KG Verlag und Druckerei | 2009
Wikipedia - Die freie Enzyklopädie

[1] 1. Haftakte, Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover Hann. 86 Hameln 143/90, 1939/260;
      2. Meldekarte aus dem Stadtarchiv Hannover.

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