Tattoo-Schaubuden-KünstlerInnen, Tattoo-Attraktionen und Tätowierer

Tätowierte - von Stefan Nagel

Ansichts- und Postkarten wie die hier im Postkarten-Archiv abgebildeten wurden von den diversen Schaubuden-Menschen auf den Jahrmärkten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhs. als Souvenirs verkauft. "Miss Käthe" stellte dabei unter den zahlreichen menschlichen Schauobjekten eine echte Attraktion dar, verkörperte sie doch als "tätowierte Kolossaldame" gleich zwei beliebte Sujets in einer Person. Dabei weckte zu einer Zeit, in der die Möglichkeiten zum Ausleben der eigenen Individualität sehr begrenzt waren, bereits ein tätowierter Körper allein das Interesse des Publikums. Bei diesen "Schaubuden-Freaks" handelte es sich in der überwiegenden Mehrzahl um Frauen, die damit warben, am ganzen Körper tätowiert zu sein und dies bis an die Grenzen des damals Schicklichen auch unter Beweis stellten. Dem Publikum eröffneten sich somit unter dem Vorwand einer eingehenden Betrachtung der "Kunstwerke" eine willkommene Gelegenheiten "einen Blick zu riskieren".

Miss Käthe einzig reisende tätowierte
Kolosal-Dame | 03.06.1912

Einige Tätowierte präsentierten ein artistisches Programm, häufig Feuerspucken oder Schlangenvorführungen. Noch mehr mögen die Schaubuden- und Varietébesucher jedoch von den Geschichten über die angebliche Herkunft der Tätowierungen gefesselt gewesen sein. Oftmals ging es dabei um kultische Riten Eingeborener, die, die Tätowierten auf Reisen in entlegene Weltgegenden schmerzhaft erleiden mussten.

Miss Käthe einzig reisende tätowierte
Kolosal-Dame - Ohne Konkurrenz | 07.07.1907

Motive wie Jesus Christus am Kreuz waren mit solchen Geschichten allerdings schwerlich in Einklang zu bringen. Offensichtlich fielen dem Publikum jedoch derartige Ungereimtheiten nicht auf, weil das Interesse tatsächlich weniger den Bildern galt…

Text © Stefan Nagel

Christian Warlich (1891-1964) "König der Tätowierer" | Erste Tätowier-Ateliers in Deutschland.

Christian Warlich (1891-1964) "König der Tätowierer"

Christian Warlich, der "König der Tätowierer" oder auch "Prof. Electric. - Professional Electric Tattooing Artist" genannt, von Beruf Kesselmacher und Seemann, eröffnete 1919 eine Gaststätte, um 1921 mit Tätowier-Atelier "Gaststätte Warlich - Atelier moderner Tätowierungen" in der Kieler Straße 43/44., auf Hamburg St. Pauli. Das Gebäude besteht noch und heißt heute Clemens-Schultz-Straße 43.

Christian Heinrich Wilhelm Warlich wurde am 5. Januar 1891 in der ehemals selbstständigen Industriestadt Linden bei Hannover (Linden wurde 1920 nach Hannover eingemeindet = Hannover-Linden) geboren. Sein Vater Karl Fritz August Warlich (1863-?) wurde am 29. November 1863 in Linden geboren. Seine Mutter Wilhelmine "Minna" Christine Johanne Warlich (1861-?), geb. Becker stammte aus Sülbeck, einem Dorf in der Nähe von Einbeck in Niedersachsen und wurde dort am 26. November 1861 geboren. Da die Familie in der Feilenstraße 10. in Linden-Süd, in der sogenannten "HANOMAG AG Werkssiedlung Klein Rumänien" wohnte, ist davon auszugehen, dass der Vater, er war von Beruf Fabrikarbeiter, vermutlich bei der "Hannoverschen Maschinenbau-Actien-Gesellschaft, vormals Georg Egestorff (HANOMAG AG)" beschäftigt war.

Christian Warlich verließ um 1905 Linden bei Hannover um vermutlich mit 14 Jahren in Dortmund/Nordrhein-Westfalen eine Lehre als Kesselschmied zu beginnen. Zu dieser Zeit soll er sich schon für das Tätowieren interessiert - und auch selbst tätowiert haben. Nach seiner Lehre und einigen Gesellenjahren ließ er sich auf Hamburg St. Pauli nieder und fuhr zur See. Er soll dabei, auf einer Fahrt in die USA, erstmals mit einer Tätowiermaschine in Berührung gekommen sein. Laut seinem Reisepass war der "Seemann Christian Warlich" auf seiner Brust, seinen Armen und Händen tätowiert.

In Hamburg heiratete Christian Warlich 1914 zum ersten Mal und wohnte laut Adressbuch von 1917 in der Erichstraße 33., auf St. Pauli. Nach seiner Scheidung heiratete er seine zweite Ehefrau Magdalena Maria Warlich, geb. Bönki. Sie brachte ihre Tochter Minna Elli Schmidt mit in die Ehe.

Christian Warlich eröffnete 1919 in der Kieler Straße 44., auf Hamburg-St. Pauli eine Gaststätte. Laut Gewerbeschein von 1921 richtete er im hinteren Bereich ein Tätowier-Atelier ein.

In der Anfangszeit sorgte der Hamburger und spätere Tätowierer Theodor Vetter (1932-2004), als Koberer/Schlepper (Werber), für Kundschaft. Theodor Vetter, auch als "Tattoo Theo" bekannt, wurde 1932 in Hamburg geboren. Er ließ sich mit 16 Jahren von Christian Warlich tätowieren. Später war er auch selbst als Tätowierer tätig. Er hatte ca. 260 Tätowierungen auf seinem Körper und starb am 15. Juli 2004 in Hamburg.

Christian Warlich starb am 27. Februar 1964 in seinem Atelier an einem Gehirnschlag und wurde am 3. März 1964 auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf beerdigt. Nach seinem Tod rettete Theodor "Tattoo Theo" Vetter den Nachlass Christian Warlichs aus dem Müll. So konnten 2013 im Museum für Hamburgische Geschichte, im Rahmen der Ausstellung "Wohin mit der Stadt", auch seine Vorlagenbücher ausgestellt werden.

Leute die zur See fahren wollen,
müssen tätowiert sein! | 18.02.1912

Christian Warlich war vermutlich der erste Berufstätowierer Deutschlands und arbeitete wohl auch als Erster in Deutschland mit einer elektrischen Tätowiermaschine (Tattaugraph). Er warb auf Werbekarten damit Lady Viola, eigentlich Ethel Martin Vangi (1898-1977), tätowiert zu haben. Mehr zu ihr weiter unten!

weitere Tätowierer

Wilhelm "Willi" E. Blumberg (1877-?)

Ende der 1920er-Jahre gab es ca. 30 Berufstätowierer in Deutschland, darunter zum Beispiel Wilhelm "Willi" E. Blumberg (1877-?), der ursprünglich Tischler und Gelegenheitsarbeiter war. Er stammte aus Rudolstadt/Thüringen und betrieb bis Anfang 1932 ein kleines Atelier in Kiel/Schleswig-Holstein. Später tätowierte er dann in seiner Privatwohnung.

Johann "Hans" Otto Kuchenmüller (1871-?)

Johann Otto Kuchenmüller (1871-?), genannt "Hans". Er war ursprünglich Malergehilfe und stammte aus Graudenz in Westpreußen, heute Polen. Er tätowierte bis 1927 regelmäßig in Emden/Niedersachsen und war auch selbst stark tätowiert.

Albert Heinze (?-1972)

Albert Heinze, Spitzname "Onkel Albert" und "Peiken Albert" aus der Münzstraße am Alexander Platz in Berlin, 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg dann in der Wilhelminenstraße 42., heute Hein-Hoyer-Straße, auf Hamburg St. Pauli. Sein Atelier in Hamburg finanzierte er mit der Haftentschädigung für seine Haft im Konzentrationslager (KZ). Albert Heinze saß fast acht Jahre im Konzentrationslager (KZ).

Karl "Kuddl" Finke (1865-1935) und Marie Finke

Karl "Kuddl" Finke war Tätowierer, Ringkämpfer und Schausteller. Er wurde am 20. April 1866 in Aschersleben/Sachsen-Anhalt geboren und war mit der "kunstvollst tätowierten Dame" Marie Finke verheiratet. Er wohnte laut Adressbuch bis 1906 in der Rothestraße 111., III. Etg. in Hamburg-Altona. Von 1907 bis 1913 war er mit seiner Frau und seinem Schaustellerbetrieb mit Ringkampfbude auf Reisen. Marie Finke wurde im Februar 1911 von der Polizei verboten sich in einem angemieteten Berliner Lokal (Kommandantenstraße 61. in Berlin-Kreuzberg) zu zeigen.

Seit ca. 1914 war Karl "Kuddl" Finke mit seinem eigenen Tätowier-Atelier "Karl Finkes Tätowieranstalt" in der Großen Marienstraße 8., in Hamburg-Altona ansässig. Nun ging er nicht mehr als Ringkämpfer und Schausteller auf Tournee. Das Ehepaar Finke hatte einen Sohn, der den Schaustellerbetrieb mit der Ringkampfbude übernahm und auch mit einer vollständig tätowierten Frau verheiratet war.

Nachdem Karl "Kuddl" Finke um 1929 seine zweite Frau heiratete, begann er sofort damit sie vollständig zu tätowieren. Karl "Kuddl" Finke starb am 15. Dezember 1935 in Hamburg-Altona. Es existiert noch ein kleines 40-seitiges Tattoo-Vorlagenbuch (Buch Nr. 3.) von Karl Finke in Hamburg.

Verbotsgesetz vollständig tätowierter Damen

In Deutschland wurde 1911 angeblich das "Verbotsgesetz vollständig tätowierter Damen" erlassen, somit durften sich nun die meisten Tattoo-Künstlerinnen nicht mehr öffentlich vor Publikum zeigen. Außerhalb Deutschlands war dies jedoch kein Problem. Ob dies wirklich stimmt, ist nicht belegt.

Brachtschen Erlass

Anfang 1932 wurde mit dem "Brachtschen Erlass" das öffentliche Auftreten und Zurschaustellen von tätowierten Menschen in fast ganz Deutschland allgemein verboten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden auch Tätowierer und Tätowierte in Konzentrationslager (KZ) verschleppt, unter anderem eben auch Wilhelm "Willi" E. Blumberg und Albert Heinze. Albert Heinze saß fast acht Jahre im Konzentrationslager (KZ). Christian Warlich wurde verschont, da die Schutzstaffel (SS) in seinem Tätowier-Atelier und in seiner Gaststätte ein und ausging.

Lady Viola, eigentlich Ethel Martin Vangi (1898-1977)

"Lady Viola", eigentlich Ethel Martin Vangi (1898-1877) wurde am 27. März 1898 in Covington, Kentucky/USA geboren. Ihr erstes Tattoo soll sie 1914 mit 16 Jahren bekommen haben. Wer sie tätowierte, ist allerdings nicht bekannt. Später wurde sie unter anderem von Frank George Graf (1888-1946) und Christian Warlich (1891-1964), dem sogenannten "König der Tätowierer" oder auch "Prof. Electric. - Professional Electric Tattooing Artist“ und anderen namhaften Tätowierer tätowiert.

"Lady Viola" wurde als "Die schönste tätowierte Frau der Welt" bekannt. Sie hatte Porträts berühmter Persönlichkeiten wie zum Beispiel Charles "Charlie" Chaplin (1889-1977) auf ihrer Haut, und auf ihrer Brust waren sechs amerikanische Präsidenten zu sehen. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie in Coney Island/Brooklyn, bei New York City/USA.

 

Sie bekam mit 17 Jahren im Dezember 1915 ihren ersten Sohn George R. Owenburg (1915-1991) und heiratete 1916 den Vater ihres Kindes. Ihr Ehemann George Michael Owenburg (1881-?) war ein polnisch-russischer Einwanderer. Anfang der 1930er-Jahre heiratete sie den italienischen Zimmermann Vincenco Vangi (?-1969). Ihr neuer Ehemann brachte fünf Kinder mit in die Ehe und drei Kinder bekamen sie später noch zusammen. Insgesamt hatte das Ehepaar somit neun Kinder.

"Lady Viola" trat in verschiedenen Varietés und Zirkussen, wie zum Beispiel im Barnum and Bailey Limited Circus oder auch 1932 im Ringling Brothers Circus auf. Um 1960 soll sie auch als Tätowiererin tätig gewesen sein. Bis zu ihrem Tod am 25. April 1977 war sie im Thomas Joyland Circus zu sehen. "Lady Viola" - Ethel Martin Vangi wurde in Fulton County, Pennsylvania/USA beerdigt.

Mia Askaria | Käthe Trumpfheller | Miss Melata | Anita | Hilde Petersen | Elvira | Vasantasena

Mia Askaria, der Stern der Kunst

Käthe Trumpfheller, die kunstvollst
tätowierte Dame der Welt. gen.:
"Der blaue Stern".

Miss Melata kunstvollst Tätowierte
Dame | 11.02.1905

Zum Andenken an die tätowierte Dame ANITA
04.07.1912

Hilde Petersen die kleinste in 14 Farben
tätowierte Dame der Welt.

Elvira, die kunstvoll tätowierte Dame

Vasantasena, tätow.
indische Barfußtänzerin

 

L' Homme Tatoué | L' Homme Tatoué

L' Homme Tatoué

L' Homme Tatoué

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text
Stefan Nagel / Text (Tätowierte) - www.riesendame.blogspot.com / www.schaubuden.de

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Das blaue Weib und andere Zirkusfrauen. Theoretische Aspekte von Tätowierungen unter besonderer Berücksichtigung von "Tätowierten Damen" in Zirkus und Schaubuden untersucht am Beispiel der Sammlung Walther Schönfeld | Igor Eberhard | Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (MAGW) | 2011
Kings Avenue "Nachlass Warlich - A research project on the German tattooist Christian Warlich (1891-1964)“ | Vortrag von Ole Wittmann bei Kings Avenue Tattoo - New York City/USA - www.youtu.be/if5IfbGbnsg | 02/2017
König der Stecher | Julika Pohle | DIE WELT - WeltN24 GmbH | 07/2016
Körperbemalen, Brandmarken, Tätowieren | Walther Schönfeld | Alfred Hüthig Verlag | 1960
Das Leben des "Königs der Tätowierer" in Hamburg | Annette Stiekele | Hamburger Abendblatt | 02/2017
Der Nachlass von Christian Warlich - Forschungs- und Ausstellungsprojekt | Ole Wittmann - Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) - Museum für Hamburgische Geschichte - www.christian-warlich.org
Schlange auf der Stirn | DER SPIEGEL - SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. | 03/1951
Stefan Nagel - www.riesendame.blogspot.com / www.schaubuden.de
Tattoo-Legenden - Christian Warlich auf St. Pauli | Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte vom 27. November 2019 bis 25. Mai 2020
Die Tätowierung in den deutschen Hafenstädten. Ein Versuch zur Erfassung ihrer Formen und ihres Bildgutes | Adolf Spamer | Verlag: G. Winters Buchhandlung, Fr. Quelle Nachf. | 1934
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